Zur Beachtung

Kritische Kommentare sind durchaus erwünscht. Allerdings sollten sie sich konkret auf die jeweiligen Blogeinträge beziehen und in einem sachlichen Ton gehalten sein. Allgemeine Meinungsäußerungen (z.B. „überteuerter Zucker“, „Betrug“ etc.) werden nicht angenommen.

Alles Blödsinn! Alles Bullshit! – Wenn Hüter der Wissenschaften medial ausflippen.

Scheinbar trauen immer weniger Menschen wissenschaftlichen Fakten. Das bringt die Vertreter des Wissenschaftsjournalismus auf die Palme. Vielleicht spüren die Leute aber instinktiv, dass man die Welt nicht einfach in Fakten und alternative Fakten einteilen kann, in vermeintlich richtig und vermeintlich falsch. Vielleicht haben die Leute ja einen instinktiven Hang zum perspektivischen Denken, ober auch zur Ambiguität (Mehrdeutigkeit). Um es klar zu sagen: Es geht hier nicht darum, ob die Erde eine Scheibe ist oder nicht, vielmehr um Themen, die so komplexe Systeme betreffen wie die des Lebens. Wobei wir bei der Medizin wären. Zugegeben nicht das Fachgebiet der hier abgebildeten studierten Köpfe. Mai Thi Nguyen-Kim und Dirk Steffens kann man das ja noch nachsehen, aber Harald Lesch als Experten für Naturphilosophie und bekennenden Fan von Alfred North Whitehead nicht, der ja eine ganz andere Weltsicht (auch des Organischen) konzipierte, als jene, vor deren Karren sich Lesch nun spannen lässt. (1)

Lesch, Mai Thi und Steffens verzweifeln an Faktenleugnern

„Fakten sind kastrierte Wahrheiten“ sagt der Dichter und Philosoph Khalil Gibran (2). „Fakten sind die richtigen Wahrheiten“ sagen die Vertreter des Wissenschaftsjournalismus (3). Fakten sind Tatsachen und keine Meinungen, das ist unbestritten, nur haben Fakten nicht zwangsläufig etwas mit Wahrheit zu tun. Das hat z.B. Harald Lesch bisher immer wieder betont (4), behauptet nun aber das Gegenteil, wenn es um das Thema Homöopathie geht. Diese baue für ihn (und er vergleicht sie dabei in einem Atemzug mit dem Nationalsozialismus) auf Scheinwelten auf und nicht auf objektiven Wahrheiten. (5) …

Lesen Sie dazu das Kapitel „Fakten, Fakes und Fast-Food-Denken“ aus meinem Buch „Alternativloses Heilen“ (6). Wenn dort von „Skeptikern“ die Rede ist, muss man von nun an auch Wissenschaftsjournalisten sagen.

Fakten, Fakes und Fast-Food-Denken

Den Wahrheitsanspruch der Naturwissenschaften begründen die Skeptiker mit der nachweisbaren Gültigkeit von Fakten, die die wissenschaftliche Erkenntnis erbracht hat. Fakten und Wahrheit stehen für sie auf einer Stufe. Und da wissenschaftliche Fakten nachweisbar, überprüfbar und nicht widerlegbar sind, dürfe man ihnen auch Wahrheitscharakter beimessen. Alles andere hieße, sie der beliebigen Interpretation preiszugeben – mit verheerenden Folgen für die Wissenschaft, aber auch für die aufgeklärte Gesellschaft. So verkehrt ist diese Auffassung ganz gewiss nicht. Sie bringt nur die Gefahr mit sich, etwas zu zweifelsfreien Fakten zu erklären (und mit dem Wahrheitsmerkmal zu adeln), was diesen Anspruch gar nicht erfüllt. Entsprechende Tendenzen kann man in der Argumentation der Skeptiker gegen die Alternativmedizin deutlich erkennen.  

Fakten können als eine Art Totschlagargument dienen. Mit ihnen kann man jede Diskussion kurz machen und feststellen: So ist es, Punkt! Fakten sind schließlich Tatsachen, die objektiv zutreffen und richtig sind. Wer solche anzweifelt oder leugnet, stellt sich damit oft selbst ins Abseits und muss sich nachsagen lassen, „alternative Fakten“ zusammenzubasteln und sie als Fake News unter die Leute zu bringen. Er oder sie gelten dann schnell als Verschwörungstheoretiker, die entweder ein Problem mit ihrem Intellekt haben oder böse Absichten im Schilde führen. Das kann dann so weit gehen, dass Homöopathen schon mal als „Reichsbürger in Birkenstock“ oder „Globulidioten“ denunziert werden. Kurz: Wer sich auf Fakten berufen kann, braucht keine Angst mehr vor Zweifeln zu haben und kann sich beruhigt auf der Seite der „Guten“ beziehungsweise „Richtigen“ wähnen und sich über all die „anderen“ ärgern und/oder lustig machen. Doch was sind eigentlich Fakten?

In der objektiven Welt der Naturwissenschaften hat man es mit der Faktenlage vergleichsweise leicht. Das Normalhöhennull der Zugspitze liegt bei 2962,06 Metern, die maximale Tiefe des Bodensees liegt bei 251 Metern und unser Sonnensystem besitzt acht Planeten. Das sind alles überprüfbare und absolut richtige Tatsachen –  bis auf das letzte Beispiel. Bis 2006 hatte unser Sonnensystem neun Planeten. Der äußerste, Pluto, wurde gestrichen. Also war die Faktenlage diesbezüglich bis 2006 eine andere als heute. Wahrscheinlich ist der Fakt, das Sonnensystem habe acht Planeten aber auch falsch, denn es wird allgemein angenommen, dass es möglicherweise doch einen neunten Planeten weit hinter Pluto gibt. Im Gegensatz zu den physikalischen Messwerten gehört die Anzahl der Planeten also zu einer ganz anderen Kategorie von Fakten. Man könnte sie variable „Definitionsfakten“ nennen im Gegensatz zu den harten „Messungsfakten“.

Bei der ersten Kategorie definiert der Mensch den Rahmen, in welchem etwas bestimmt werden soll, in der zweiten misst er etwas von der Natur Vorgegebenes, was sich durch Überprüfung sicher bestätigen lässt. In der ersten Kategorie können sich die Verhältnisse und die daraus hergeleiteten Fakten ändern, in der zweiten nicht (es sei denn, man findet zum Beispiel im Bodensee irgendwann eine noch tiefere Stelle). Man könnte noch eine dritte Kategorie aufmachen und diese vielleicht „Beobachtungsfakten“ nennen. Sie ähneln den „Messungsfakten“, beziehen sich aber nicht auf einzelne physikalische oder chemische Gegebenheiten, sondern sie haben komplexere Dinge zur Grundlage. Ein aktuelles Beispiel hierfür wäre die Situation des Klimawandels. Da werden Daten gesammelt, Studien gemacht und Modelle erstellt – alles auf neuestem wissenschaftlichem Stand. Es wird also exakt und genau beobachtet, um daraus verlässliche Aussagen zu machen. So entstehen die „Fakten zum Klimawandel“. Da sie wissenschaftlich korrekt erstellt wurden, gelten sie als richtig. Doch auch sie sind nicht unumstößlich. Aktuellere Daten können andere Aussagen nach sich ziehen. Folglich sind Fakten, die auf Basis wissenschaftlicher Forschung gewonnen wurden, objektiv richtig, müssen jedoch immer entsprechend interpretiert werden. Eigentlich sind Fakten, die keine rein physikalische oder chemische Basis haben, immer Interpretationen von Daten, die wiederum selbst hinterfragt werden können. So weit, so gut. Was aber hat das mit der Diskussion um die Alternativmedizin zu tun?

Die Argumentation der Skeptiker geht dahin, dass die Fakten eindeutig gegen die Wirksamkeit der allermeisten alternativmedizinischen Heilverfahren sprächen. Diese Aussage ist die Basis, auf die sich ihre Forderung stützt, Alternatives konsequent aus der Medizin auszusortieren und nur noch nachweislich Wirksames zu akzeptieren. Wenn man nun weiß, dass Fakten nicht gleich Fakten sind, dann stellt sich natürlich die Frage, wie die Fakten einzuordnen sind, die laut Skeptikerbewegung zweifelsfrei gegen die Alternativmedizin sprechen sollen. Da man sich im Bereich der Medizin befindet, gilt die therapeutische Wirksamkeit als Maßstab. Bestätigen wissenschaftliche Untersuchungen eine Wirksamkeit, dann gilt eine solche als „wissenschaftlich bestätigt“. Hierzu werden klinische Studien gemacht, die die Frage nach der Wirksamkeit beantworten sollen. Davon gibt es verschiedene Arten. Die höchste Aussagekraft wird den randomisierten Doppelblindstudien zugeschrieben, doch werden auch andere Studientypen zur Beurteilung herangezogen. Auch zu den verschiedenen alternativmedizinischen Heilverfahren gibt es wissenschaftliche Studien unterschiedlichster Art. Nach Auffassung der Skeptiker konnten diese keine spezifische Wirksamkeit nachweisen. Für sie ist dies ein zweifelsfreies Faktum auf wissenschaftlicher Grundlage. Somit sei eine Eliminierung dieser Verfahren aus der offiziellen Medizin geboten und legitim. Wie eindeutig aber ist die Aussagekraft solcher Studien wirklich?

Hier muss man sehen, in welche Kategorie von Fakten die Studiendaten einzuordnen sind. Harte „Messungsfakten“ sind sie sicherlich nicht, schon eher handelt es sich um „Beobachtungsfakten“, also solche, die komplexe Systeme empirisch untersuchen und Daten erheben, die gedeutet werden müssen. Da einzelne Studien für sich genommen noch keine klare Aussage erbringen können, fasst man die Studienlage zusammen und erstellt sogenannte Reviews und Metaanalysen. Hierzu aber müssen Vorgaben und Kriterien erstellt werden, die genau zu definieren sind. Die Ergebnisse solcher Studienanalysen werden durch den Filter dieser Rahmenbedingungen bedingt. Werden sie verändert, verändert sich meist auch das Ergebnis. Das Analysieren und Auswerten von Studiendaten ist eine heikle Angelegenheit. Man kann noch so bemüht sein, die Fehlerwahrscheinlichkeit so gering wie möglich zu halten, es wird nie ganz gelingen. Von harten Fakten sind solche Studiendaten also weit entfernt. Auch wenn wissenschaftliche Studien die Grundlage für die Beurteilung medizinischer Verfahren sind, ist ihre Aussagekraft – gleich in welche Richtung – eher als ein (wenn auch gut begründetes) Indiz zu werten, kaum aber als zweifelsfreier Beweis mit Wahrheitsanspruch.

Wenn das in der Wissenschaft allgemein bekannt ist, müsste man eigentlich alle Studien vorsichtiger interpretieren, als es heute geschieht. Jedenfalls ist es wissenschaftlich kaum nachvollziehbar, wenn man die Studienlage als objektiven, letztgültigen Beweis für eine Aussage heranzieht. Auch kann man auf deren Grundlage keine Schlussfolgerungen ziehen, die eine Art „Wahrheitscharakter“ aufweisen sollen. In der Diskussion um die Alternativmedizin wird das jedoch häufig gemacht. Skeptiker legen die Studienlage oft so aus, als sei sie der „wissenschaftliche Beweis“, dass diese Methoden unwirksam seien. Oder sie formulieren diese Aussage zumindest so, dass man sie entsprechend interpretieren kann. Damit machen sie aus vorhandenen Fakten aber Fakes, denn solche Schlussfolgerungen sind wissenschaftlich unzulässig.

Beispiele, wie die Faktenlage zu Globuli & Co. manipuliert werden kann, gibt es viele. So verbreiteten homöopathiekritische Skeptiker vor einiger Zeit in den sozialen Medien die Aussage, die Fakten zur Homöopathie seien so unbestreitbar wie die Existenz der Mondphasen. Diese Behauptung ist schon deshalb Unsinn, weil sie verschiedene Faktenebenen miteinander verknüpft. Die Mondphasen lassen sich mittels Berechnungen aus Mathematik und Physik bestimmen. Für die Beurteilung eines medizinischen Heilverfahrens ist eine solche Herangehensweise nicht möglich. Durch die Verknüpfung der Ebenen wird aber suggeriert, die Behauptung, Homöopathie sei nicht wirksam, entspräche einer wissenschaftlichen Tatsache, die absolut unbestreitbar ist. Damit bekommt diese Aussage einen „Fake-Charakter“. Wer sich in der Materie nicht auskennt, wird das nicht bemerken und die Behauptung als gegeben und nicht anzuzweifeln einstufen.     

Das Reduzieren auf simple Aussagen in der Debatte um die Alternativmedizin trägt mit zur Fake-Bildung bei. Bei der Homöopathie genügt ein einfaches „Nix drin, nix dran“, bei der Akupunktur ein „das Chi gibt es nicht“ und bei der Cranio-Sacral-Therapie „pulsierende Liquorwellen sind reine Fantasie“. Wenn solche Behauptungen von wissenschaftlicher Seite gemacht werden, nimmt man sie für gewöhnlich als „wahr“ an und ordnet sie als „nachweislich richtig“ in sein Denksystem ein. Selbst wenn diese Aussagen zweifelsfrei richtig sein sollten, heißt das nur, dass das spekulative Wirkmodell solcher Methoden nicht den Tatsachen entspricht. Damit aber eine nachgewiesene Unwirksamkeit zu verknüpfen, ist nach wissenschaftlichem Verständnis nicht möglich. Sicher wissen das die Gegner der „sanften Medizin“, weite Teile der Bevölkerung vermutlich aber nicht. Deshalb lässt sich mit solchen Vereinfachungen über ein „schnelles Denken“ bewusst spielen und die Meinungsbildung beeinflussen.

Die Einteilung in „schnelles Denken“ und „langsames Denken“ stammt von dem Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman. Danach bedienen wir Menschen uns im Alltag häufig einer schnellen Art des Denkens, weil Denken an sich anstrengend ist. Mitunter führt das Nachdenken über eine Sache auch nicht zu eindeutigen Antworten, sodass Zweifel bleiben. Da Zweifel aber häufig Hemmschuhe für ein aktives und zielgerichtetes Agieren sind, wollen wir sie vermeiden. Da hilft das „schnelle Denken“.  Es arbeitet oft mit vom Intellekt leicht zu verwertenden Aussagen, die klar, eindeutig und einleuchtend sind. Oft läuft diese Art des Denkens automatisch und unbewusst ab, ist emotional eingefärbt und neigt zum Stereotypisieren. Ein solches Denken führt jedoch schnell zu Fehlschlüssen. „Langsames Denken“ hingegen ist analytisch, logisch, bewusst und hinterfragend. Es sei ein wirksamer Schutz vor kognitiven Verzerrungen und daraus resultierenden Irrtümern, so Kahneman. So betrachtet ist „schnelles Denken“ intellektuelles Fast-Food, das bequem ist, schnell sättigt, aber auf Dauer Probleme bereitet. 

Die Kritiker der Alternativmedizin werfen dieser einen übersteigerten Hang zum „schnellen Denken“ vor. Wer an die Wirkung von Globuli, Bioresonanz oder Kräutermixturen glaube, der blende die Realität aus, die eindeutig besage, dass eine solche Wirksamkeit gar nicht existiere. Er akzeptiere nur, was er glauben wolle und was mit seiner Weltsicht im Einklang stehe – also keine Zweifel erzeuge. Es braucht nun wenig analytischen Scharfsinn, um festzustellen, dass die Argumentationsweise der Skeptiker nicht weniger Elemente eines „schnellen Denkens“ enthalten, als die von eingefleischten „Naturheilern“. Während letztere ihr „Fast-Food-Denken“ wohl mehr unbewusst und instinktiv einsetzen (da sie um den Unterschied der Denkweisen vielleicht gar nicht Bescheid wissen), kann man davon ausgehen, dass die wissenschaftlich meist bestens geschulten Skeptiker das schnelle Vereinfachen als Strategie bewusst einsetzen. Wer weiß, wie die Masse tickt, hat es leicht, sie in seinem Sinne zu führen. Das ist das Wesen jeder Propaganda.

Vor allem in der mitunter emotional sehr heiß geführten Diskussion um die Homöopathie werden seitens mancher Globuli-Gegner häufig denunzierende Behauptungen aufgestellt, die auf das „schnelle Denken“ der Menschen abzielen: „Homöopathie ist gefährlicher Voodoo-Zauber“, „Homöopathie ist Verschwörungstheorie“, „Homöopathen sind Betrüger und ziehen unschuldigen Patienten ihr Geld aus der Tasche“. Solche Aussagen werden häufig nicht hinterfragt, wenn sie aus scheinbar seriösen, wissenschaftlichen Kreisen kommen. Vor allem werden sie aus dem Grund als „bare Münze“ genommen, weil sie auf dem zentralen Argument der Homöopathiegegner aufbauen, das man in etwa so zusammenfassen kann: „In Globuli ist nichts drin, deshalb können sie auch nicht wirken. Das kann gefährlich werden. Lasst also die Finger davon und nehmt nur, was wirklich wirkt!“ Eine Aussage, der man kaum widersprechen kann, da sie scheinbar wissenschaftlich belegt ist, und zudem dem gesunden Menschenverstand entspricht. Leider hält sie aber einer Analyse durch ein „langsames Denken“ nicht stand.  

(1) Spyridon A. Koutroufinis: Organismus als Prozess, Whitehead-Studien 4, 2019, Verlag Karl Alber

(2) Khalil Gibran: Sand und Schaum – Das Buch der Aphorismen, Neuausgabe 2018 https://www.bod.de/buchshop/sand-und-schaum-khalil-gibran-9783744850490

(3) „Terra X“-Moderator Dirk Steffens: „Die Wahrheit liegt nie in der Mitte, verdammt!“ https://www.focus.de/kultur/kino_tv/zdf-mann-im-interview-terra-x-moderator-dirk-steffens-die-wahrheit-liegt-nie-in-der-mitte-verdammt_id_12544883.html

(4) Richard David Precht und Harald Lesch über Wahrheit und Glauben im ZDF https://www.facebook.com/2360479830897066/videos/278430113540398

(5) TV-Professor Harald Lesch: Homöopathie ist völliger Blödsinn! https://www.t-online.de/unterhaltung/stars/id_88759072/tv-professor-harald-lesch-in-der-verschwoererszene-herrscht-grosse-verlogenheit-.html

(6) Hans-Josef Fritschi: Alternativloses Heilen – Welche Medizin wir bekommen, wenn Globuli & Co. verschwunden sind, 2020, Zu Klampen Verlag https://zuklampen.de/component/bcpublisher/bk/948-alternativloses-heilen.html?Itemid=

Mit dem zweiten Zug spielt man besser: Über Medien und Homöopathie

Christina Berndt ist Medizinjournalistin bei der Süddeutschen Zeitung in München. In dieser Funktion hat sie am 14. September 2020 über Positives zur Homöopathie berichtet. „Positives zur Homöopathie“ war jedenfalls ihr Artikel überschrieben (1). In ihm ging es aber gerade nicht darum, Positives zu berichten, sondern um die Frage, warum in der SZ kaum je etwas Positives zur Homöopathie zu lesen ist. Frau Berndt versucht dies der Leserschaft schlicht damit zu erklären, dass es eben zur Homöopathie nichts Positives zu berichten gebe. Das einzige, was die Globulimedizin zu bieten habe, seien Einzelfallmeinungen. Ob Queen Elisabeth nun auf Globuli schwöre, sei für die SZ unerheblich, Fallberichte von Anwendern der Homöopathie auch. Für das Blatt zählten einzig und allein die wissenschaftlichen Studien, so Frau Berndt. Und das Fazit dieser Studien fasst die Medizin-Redakteurin (nicht gerade faktenkonform) so zusammen: „Das Ergebnis war jedes Mal niederschmetternd.“

Das nun soll die Tatsache erklären, warum in der „Süddeutschen“ nichts Positives über Globuli zu lesen ist. Damit gibt Frau Berndt einen Grundkonsens in weiten Teilen der Medien wieder: Homöopathie wirkt nicht über den Placeboeffekt hinaus. Diese Floskel wurde vom Anti-Homöopathie-Verein „Informationsnetzwerk Homöopathie“ in die Welt gesetzt, und wird nun den bundesdeutschen Medienkonsumenten als wissenschaftliche Tatsache in Endlosschleife vermittelt. Wenn es um Homöopathie geht, vertrauen die im Journalismus Tätigen voll und ganz auf besagtes Informationsnetzwerk. Dass dort so manche Fakten ausgesprochen selektiv wiedergegeben werden oder mitunter auch schlicht falsch sind, erkennt man nur, wenn man die Aussagen hinterfragt und auf anderen Wegen fachliche Informationen zum Thema sucht. Jedenfalls erkennt man die Aussage „Das Ergebnis war jedes Mal niederschmetternd“, die Frau Berndt über die Homöopathie macht, als definitiv nicht zutreffend, wenn man sich die Mühe macht, sich auch anderer Quellen zu bedienen. (2), (3), (4). Einem seriösen Journalismus steht es auf jeden Fall gut zu Gesicht, sich bei einem Thema auf unterschiedliche Quellen zu stützen, und dort, wo der Eindruck entsteht, eine bestimmte Gruppierung habe eine Monopolstellung inne, schlicht und einfach kritische Fragen zu stellen. Das dürfen Journalisten nicht nur, das müssen sie.   

Wenn jemand seine Kopfschmerzen verliert, wenn er bestimmte Globuli nimmt, dann ist für ihn oder sie genau das das Entscheidende, und nicht, ob das Mittel diese Wirkung auch in klinischen Studien reproduzierbar nachweisen konnte. In dieser Hinsicht sind Patienten hartnäckig, ja manchmal starrköpfig.

Homöopathie-Gegner und die ihnen zugeneigten Journalistinnen und Journalisten haben ein großes Problem: Die Menschen interessieren wissenschaftliche Studien und Belege herzlich wenig, wenn eine Heilmethode zumindest das Potenzial verspricht, heilen oder zumindest lindern zu können. Ob ihnen etwas mit dem Stempel der Wissenschaft Versehenes hilft, oder ob es der reine Placeboeffekt ist, ist ihnen egal. Hauptsache, es hilft. Wenn jemand seine Kopfschmerzen verliert, wenn er bestimmte Globuli nimmt, dann ist für ihn oder sie genau das das Entscheidende, und nicht, ob das Mittel diese Wirkung auch in klinischen Studien reproduzierbar nachweisen konnte. In dieser Hinsicht sind Patienten hartnäckig, ja manchmal starrköpfig. Rational kommt man da nicht ran. Deshalb muss etwas her, was erfahrungsgemäß besser hilft. Das ist das Emotionale, und hier vor allem die wohl stärkste Emotion: die Angst.

Die Gegner der Hahnemannschen Globuli fahren schon eine Weile zweigleisig. Auf Gleis 1 fährt der Zug der Rationalität. In ihm fahren die Studienargumente und die Argumente der Naturwissenschaften: also Physik, Chemie, Pharmakologie etc. In diesen Zug setzt man das intellektuell einigermaßen geschulte Publikum, das auch nichts dagegen hat, wenn man ihm den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft als nicht hinterfragbare Wahrheit verkauft. Auf Gleis 2 haben sie einen Zug stehen, der zwar weniger komfortabel ist, dafür aber für viel mehr Reisende Platz bietet. Es ist der Zug der Emotionalität. Man hat ihn sinnigerweise auf den Namen „Gefahr“ getauft. Dort will man all jenen einen Platz anbieten, die für rationale Anti-Globuli-Argumente wenig empfänglich, für emotionale dafür umso empfindsamer sind. Wie in den alten Nichtraucher-Waggons gibt es dort überall Warnschilder. Statt „Rauchen verboten!“ steht hier „Globuli gefährden Ihre Gesundheit!“ drauf.

Die Behauptung, durch Anwendung von Homöopathie würde gesundheitlicher Schaden angerichtet, ist nichts weiter als eine Meinung. Hierzu gibt es keine belastbaren Zahlen, Untersuchungen oder gar Studien. Was hier berichtet und bisweilen hochemotional breitgetreten wird, sind Einzelfälle auf der Ebene der „Globuliphilie“ des britischen Königshauses.

Die beiden Züge fahren in jeweils unterschiedliche Richtungen, denn sie dürfen sich nicht zu nahe kommen. Sie sind nämlich nicht kompatibel. Das Argument aus Zug eins „In den Globuli ist nichts drin, also können sie auch nicht wirken“ passt mit dem Zug-zwei-Argument „Globuli können tödlich sein!“ (5) nicht zusammen. Entweder ich fahre mit Zug eins nach Hamburg oder mit Zug zwei nach Stuttgart. Beides gleichzeitig geht nicht. Auf die Homöopathie übertragen heißt das: Entweder etwas ist unwirksam oder es schadet, beides gleichzeitig geht nicht. Doch, sagen die Homöopathie-Gegner und zaubern einen scheinbar genialen Trick aus dem Köcher: Globuli schaden, weil man dadurch „richtige Medizin“ zu spät oder gar nicht anwendet. Nun, das mag durchaus vorkommen und sollte tunlichst vermieden werden. Doch bei näherem Betrachten lässt sich unschwer erkennen, dass dieses Argument tatsächlich ein Trick ist, einer der sogar zum Bumerang werden kann. Denn die Behauptung, durch Anwendung von Homöopathie würde gesundheitlicher Schaden angerichtet, ist nichts weiter als eine Meinung. Hierzu gibt es keine belastbaren Zahlen, Untersuchungen oder gar Studien. Was hier berichtet und bisweilen hochemotional breitgetreten wird, sind Einzelfälle auf der Ebene der schon angesprochenen „Globuliphilie“ des britischen Königshauses. Nach einhelliger Meinung der Homöopathie-Gegner ist so etwas wertlos. Womit der Bumerang wieder zu seinem Werfer findet.

Auch Christina Berndt von der SZ schlägt in ihrem Artikel in diese Kerbe. Allerdings schaltet sie einen Gang runter und spricht nicht von Todesfällen. Sie klärt vielmehr darüber auf, dass Globuli zu Allergien führen können. Aber auch dieses Argument stammt aus dem Zug der Emotionalität, vermittelt es doch unterschwellig die Botschaft: „Obacht, süße Gefahr!“ Sicher können einige homöopathische Mittel bei tiefer Verdünnungsstufe ein allergisches Potenzial haben. Arnica, Calendula, Millefolium und andere Korbblütler können solche Reaktionen auslösen. Aber mit steigender Potenzierung verliert sich dieser Effekt schließlich vollkommen. Tatsache ist, dass nur sehr wenige homöopathische Arzneimittel potenziell allergisch sein können, der weit überwiegende Teil zeigt diesbezüglich keinerlei Reaktionen. Da ist die „Gefahr“ durch einen Kamillentee, ein Echinacea-Bonbon oder einen Arnikaumschlag um ein Vielfaches größer. Die Frage ist: Warum muss Frau Berndt diesen „Warnhinweis“ ausdrücklich anbringen, obwohl er in der Praxis kaum ins Gewicht fällt?  

Mit der Spielfigur namens Angst kann man letztlich immer zum finalen Schachmatt kommen. Das Spielbrett heißt Mainstream. Nur innerhalb dieses darf man sich bewegen, weil nur hier das Spiel funktioniert.

Nicht wenige Arzneimittel der sogenannten „Schulmedizin“ können als Nebenwirkung eine Allergie oder Unverträglichkeit auslösen, seien es Antibiotika, Schmerzmittel, Gichtmittel, Epilepsiemittel oder Röntgenkontrastmittel. Manche davon sind sogar freiverkäuflich, z.B. das Rheumamittel Diclofenac. Für dieses Arzneimittel wird fleißig Werbung gemacht. Bei dieser wird zu Risiken und Nebenwirkungen immer das lapidare „Fragen sie ihren Arzt oder Apotheker“ zitiert. Aber Diclofenac kann nicht nur Allergien auslösen. Viel schlimmer sind die möglichen negativen Auswirkungen, die das Mittel auf das Herz haben kann. Die Gefahr, durch das Rheumamittel nicht ungefährliche Probleme mit dem Herzen zu bekommen dürfte für bestimmte Menschen wohl größer sein, als sich durch Globuli eine allergische Reaktion einzuhandeln.

Mit dem zweiten Zug spielt man besser, werden sich die Homöopathie-Gegner sagen, und damit dürften sie auch recht haben. Nur auf den Intellekt zu setzen, führt in dem inzwischen über 200 Jahre alten Streit um die Globuli nicht wirklich zum Ziel. Diesem kommt man nur näher, wenn man die Irrationalität der menschlichen Gefühle gezielt und geschickt anspricht. Und mit der Spielfigur namens Angst kann man letztlich immer zum finalen Schachmatt kommen. Das Spielbrett heißt Mainstream. Nur innerhalb dieses darf man sich bewegen, weil das Spiel nur hier funktioniert. Zeitungen wie die SZ sind wichtiger Teil dieses Spiels. Eines aber sind sie nicht: die wahren Akteure der Partie.

(1) https://www.sueddeutsche.de/kolumne/sz-werkstatt-positives-zur-homoeopathie-1.5031906

(2) https://www.carstens-stiftung.de/die-datenbanken-der-karl-und-veronica-carstens-stiftung.html

(3) https://www.wisshom.de/links/forschung/

(4) https://www.vkhd.de/therapeuten/homoeopathie-forschung

(5) https://blog.gwup.net/2017/02/22/homoopathische-abgrunde-wenn-globuli-den-tod-bringen/

Integrative Medizin – ein trojanisches Pferd?

https://pixabay.com/de/users/ivabalk-782511/

Es ist nicht leicht, die unkonventionellen Heilverfahren in der Medizin mit einem einheitlichen und gleichzeitig passenden Begriff zu versehen. Bei genauer Betrachtung erscheinen alle üblichen Begriffe für einen Oberbegriff, der allgemein akzeptiert werden kann, als mehr oder weniger ungeeignet. Grund ist, dass sie jeweils nur einen Teilaspekt abdecken. Dabei beschreiben sie die Verfahren meist nur in einem besonderen Bezug zur wissenschaftlich anerkannten Schulmedizin. Gängig sind drei Begriffe: Alternativmedizin, Komplementärmedizin und integrative Medizin. Alle drei meinen nicht dasselbe. Alternativmedizinisch werden unkonventionelle Therapien bezeichnet, wenn man sie als Ersatz für schulmedizinische anwendet. Bei der Komplementärmedizin gelangen sie als Ergänzung oder Erweiterung allgemein anerkannter Methoden zum Einsatz. Als integrativ bezeichnet man das Bestreben, die unkonventionellen Methoden in die Schulmedizin zu integrieren.

Heute ist man allgemein bestrebt, von integrativer Medizin zu sprechen, wenn z.B. Naturheilverfahren, Homöopathie oder chinesische Medizin zusammen mit schulmedizinischen Therapien angewendet werden. Integrativ hört sich ja gut an, ist es das aber auch? Zweifel sind angebracht. Bei einer Integration geht es ja um eine Eingliederung. Etwas von außen soll sich in ein bestehendes System einordnen und somit Teil von ihm werden. Das wird aber nur dann erfolgreich sein können, wenn das zu Integrierende sich zentralen Grundelementen des Systems anpasst, in das es aufgenommen werden soll. Genau hier liegt bei der integrativen Medizin ein großes Problem.

Manche Verfechter dieses Modells geben sich offen und sagen, alles aus dem Bereich unkonventioneller Heilmethoden könne in die Medizin aufgenommen werden, solange es naturwissenschaftlichen Standards entspräche. Das heißt aber auch: Alle anderen Verfahren haben keinen Platz in einer solchen Medizin. Professor Harald Walach spricht in diesem Zusammenhang von einem „Kolonialisierungsversuch“, der alles ausgrenzt, was nicht dem Diktat der Naturwissenschaft folgt. Somit zeigt sich, dass der Begriff „integrative Medizin“ trügerisch ist und letztlich jenen in die Hände spielt, die die unkonventionellen Heilverfahren aus der Medizin eliminieren wollen.

Wenn sich nun die Begriffe alternativ, komplementär und integrativ allesamt nicht dazu eignen, das weite Feld der „außerschulischen Methoden“ treffend zu beschreiben, muss man sich dann nicht auf die Suche nach einem anderen machen? Da bietet sich ein Wort aus dem Griechischen an, das das Verhältnis der beiden Medizinrichtungen neu beleuchtet. Es ist der Begriff „dyadisch“. Dyas heißt Zweiheit. Heute wird dyadisch meist in der Soziologie und Psychologie verwendet. Dort bezeichnet es eine intensive Zweierbeziehung. Kennzeichnend für eine solche Dyade ist, dass zwei Personen wechselseitig aufeinander bezogen sind, ihre Aktionen und Reaktionen sind aufeinander abgestimmt. In diesem Sinne bilden beide Partner eine Einheit, in der nicht jeder „sein Ding macht“, sondern beide ein gemeinsames Ziel oder eine gemeinsame Aufgabe haben. Dabei stimmen sie ihre Aktivitäten miteinander ab. Sie sind grundlegend eigenständige Menschen, mit eigenem Denken, Fühlen und Handeln, bringen diese Eigenschaften aber in das Gemeinsame ein. Eine gesunde dyadische Beziehung ist grundsätzlich offen für das Gegenüber und ist auch bereit, sich durch eine gegenseitige Wechselwirkung im eigenen Denken, Fühlen und Handeln verändern zu lassen. Wie man dieses Modell auf die Medizin übertragen kann, habe ich im Buch „Alternativloses Heilen“ im Kapitel „Der Gegenentwurf: Eine dyadische Medizin“ beschrieben (ab S. 123): https://zuklampen.de/component/bcpublisher/bk/948-alternativloses-heilen.html?Itemid=

Bildquelle: https://pixabay.com/de/users/ivabalk-782511/

Die Corona-Tests und der Wolf im Wald

Gestern war ich nach langer Zeit wieder einmal zu einem Seminar in der Schweiz. Dort fiel mir ein Merkblatt der eidgenössischen Medizinalbehörde swissmedic zu Covid-19 in die Hände. (1) In diesem wird das Testkonzept auf den Covid-19-Erreger genau beschrieben. Auch das heute weltweit gängige Testsystem über einen PCR-Test wird erläutert. Mit diesem Test gelingt ein direkter Nachweis des Corona-Virus – so denken die meisten Menschen, doch das ist falsch. Was der Test kann, ist lediglich einen winzigen Bruchteil des Virus zu erkennen, nicht aber das Virus selbst. Und das macht schon einen Unterschied. Die swissmedic schreibt:

„Die PCR (Polymerase-Kettenreaktion) ist eine NAT (Nucleic Acid Amplification Technology)-Methode, der modernen Molekularbiologie um in einer Probe vorhandene Nukleinsäure (RNA oder DNA) in vitro zu vervielfältigen und danach mit geeigneten Detektionssystemen nachzuweisen. Der Nachweis der Nukleinsäure gibt jedoch keinen Rückschluss auf das Vorhandensein eines infektiösen Erregers. Dies kann nur mittels eines Virusnachweises und einer Vermehrung in der Zellkultur erfolgen.“

Mit anderen Worten: Wenn ein Coronatest positiv ist, dann hat man Nukleinsäure des Coronavirus gefunden, nicht aber einen infektiösen Virus. Wie kann man das interpretieren? Wohl so, dass der Getestete zeitnah Kontakt mit dem Coronavirus hatte, mehr aber auch nicht. Ob das Virus überhaupt noch da ist, und wenn ja, ob es sich in den Zellen auch vermehrt, kann der Test nicht sagen. Was ein positiver Test aussagt, erklärt die swissmedic in dem Merkblatt auch:

„Durch den direkten Nachweis von viraler Nukleinsäure in einem Nasen-Rachenabstrich kann bei Patienten mit COVID-19 kompatiblen Symptomen auf eine SARS-CoV-2 Infektion geschlossen werden“.

Auch das ist eine klare Aussage: Wenn ein Patient eindeutig Covid-19-Symptome hat, dann kann durch einen positiven Test auf eine Infektion geschlossen werden. Also nur in Verbindung mit klaren Covid-19-Symptomen kann ein positiver PCR-Test als Nachweis einer Coronainfektion dienen. Aber auch dann nur durch einen Rückschluss (Symptome plus positiver Test lässt mit ziemlicher Sicherheit auf Covid-19 schließen).

Als ich über die Sache näher nachdachte, kam mir ein Bild in den Sinn, wie die Sache mit den Coronatests am besten einzuordnen ist. Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Ein Jäger findet in einem Wald die Fährte eines Tieres. Sie ähnelt einem Hund, könnte aber auch von einem Wolf stammen. Es wird ein Experte zu Rate gezogen und bald ist eindeutig klar: es handelt sich um den Abdruck eines Wolfes. Obwohl noch niemand den Wolf gesehen hat, denken nun alle: „Achtung, in diesem Wald lebt ein Wolf! Geht nicht hinein, ihr könntet gefressen werden!“ Sie stellen ein Suchkommando zusammen, das nach weiteren Fährten suchen soll. Und sie finden auch welche. Von Tag zu Tag stocken sie das Kommando auf, und immer mehr Menschen streifen durch den Wald, um nach Fährten Ausschau zu halten. Und tatsächlich: Jeden Tag finden sie mehr davon. Nun wird die Unruhe immer größer, und man beschließt, einen mehrere Meter hohen Zaun um den ganzen Wald zu ziehen.

Doch der Experte beruhigt: „Moment, Leute. Wir haben da nur Fährten gefunden. Das heißt nur, da war vor kurzem ein Wolf. Das ist unstrittig. Aber wir wissen nicht, ob er überhaupt noch da ist oder nicht schon weitergezogen ist. Sollte er noch da sein, dann wissen wir nicht, ob er hungrig ist und auf Beute geht oder vollgefressen unter irgendeinem Baum schläft. Und die Gefahr, dass ein Wolf für einen Menschen lebensbedrohlich ist, ist auch nicht allzu hoch. Das sind die Fakten. Aber: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, also heißt es wachsam sein und aufpassen. Es besteht jedoch kein Grund, nun in Panik zu verfallen.“ Ende der Geschichte.

Fazit: Man kann sich nun Gedanken machen, warum dieser Aspekt zum PCR-Test in den Medien kaum eine Rolle spielt. Auch kann man die Tatsache hinzunehmen, dass von einhundert positiv auf Corona Getesteten einer falschpositiv ist, also als Corona-positiv gilt, obwohl er gar keinen Viruskontakt hatte. Das alles gehört zur Wahrheit über Corona mit dazu. In der 32. Kalenderwoche (Anfang August) wurden allein in Deutschland 672.171 Coronatests durchgeführt. Davon waren 6.909 positiv. Das entspricht genau der bekannten Fehlerquote, die der Test hat … (2)

Trotzdem: Das Bild von der Mutter und der Porzellankiste gilt noch immer. Ignorieren ist die falsche Schlussfolgerung. Aber ein nüchternes Einschätzen der Lage auf Basis aller vorhandenen Daten ist immer die beste Strategie. Und die besagt: Die Gefahr ist aller Wahrscheinlichkeit nicht so hoch, wie sie die mediale Aufmerksamkeit suggeriert.

(1) https://www.swissmedic.ch/dam/swissmedic/de/dokumente/bewilligungen/mikrobiologische_laboratorien/mv_covid19_testung_ch.pdf.download.pdf/Merkblatt_COVID-Testung_Swissmedic_BAG_final_de.pdf

(2) https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1107749/umfrage/labortest-fuer-das-coronavirus-covid-19-in-deutschland/

Wer hat Angst vor Hahnemann?

Die irrationalen Hintergründe der Anti-Homöopathie-Kampagne

Quelle: pixabay.com PublicDomainPictures

Die „Aufklärungs“-Kampagnen gegen die Homöopathie werden von der so genannten Skeptiker-Gemeinde getragen. Diese nimmt für sich in Anspruch, die Welt streng rational zu betrachten, zu beschreiben und zu erklären. Irrationales gibt es im skeptizistischen Weltbild nicht. Alles lässt sich rational erklären. Was sich der Rationalität entzieht, existiert nicht – oder nur in der Phantasie der jeweiligen „Gläubigen“. Rationalität ist somit die zentrale Grundlage dieser Art des Skeptizismus. Allerdings ist auch er nicht völlig frei von Irrationalem.

Wenn man die Aktionen der Anti-Homöopathie-Bewegung betrachtet, überrascht deren nicht selten obsessives Vorgehen. Wie Getriebene versuchen deren Akteure überall, wo sie auf das Thema Homöopathie und Globuli stoßen, eine aggressive Gegenposition zu beziehen. Sie haben ihre Arbeit ja auch als Mission bezeichnet, als „Mission Globukalypse“, um die Homöopathie ein für alle Mal auf dem Friedhof der Medizingeschichte zu verscharren. Was für Gründe könnte es für diesen missionarischen Eifer geben? Da dürften zwei Gründe wohl im Vordergrund stehen – und beide haben viel mit Irrationalität zu tun.

1. Glaubenskrieg

Das Wort Glaubenskrieg fällt in der Homöopathie-Diskussion oft. Stoßen da doch zwei Weltanschauungen aufeinander. Hier der strenge Materialismus und Naturalismus, dort die Ansicht, es gäbe eben mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, die der Verstand (noch) nicht erklären könne. Die Vertreter des modernen (nicht des philosophischen) Skeptizismus betrachten die der Homöopathie zugrunde liegende Weltanschauung als magisch, esoterisch und von der Wissenschaft als überholt und widerlegt an. Ein Vertreten von überlieferten Ansichten, die nicht im Einklang mit der Naturwissenschaft zu bringen sind, sei potenziell gefährlich, weshalb man sich aktiv gegen sie einsetzen müsse. So formiert man sich zum Kampf im Namen der Wissenschaft, dem ein dogmatischer Dualismus von Wissen und Glauben zugrunde liegt. Wie in der antiken Gnosis streitet die Wahrheit gegen die Lüge, das Licht gegen die Dunkelheit, das Gute gegen das Böse. Vergessen oder ausgeblendet wird dabei etwas Wichtiges: Wer Wissenschaft mit Richtigkeit und Wahrheit gleichsetzt, konstruiert damit auch nur eine Glaubenslehre. Diese Glaubenslehre fußt darauf, dass das herrschende naturwissenschaftliche Weltbild nicht nur richtig, sondern auch absolut ist. Es schließt andere Weltanschauungen grundsätzlich aus oder diskreditiert sie als „unwissenschaftlich“. Das hat manchmal schon etwas Religiöses nach dem Motto: Du sollst keine fremden Götter neben mir haben …

Ziel eines fundamentalistischen Szientismus ist der Aufbau einer Szientokratie, der Herrschaft der Naturwissenschaft in allen Bereichen der Gesellschaft, selbst innerhalb menschlicher Beziehungen und der Ethik. Alles habe sich dem Primat der exakten Naturwissenschaften unterzuordnen.

Die Glaubenslehre dieser Art „Skeptiker“ hat auch einen Namen. Es handelt sich um einen fundamentalistischen Szientismus. Im Szientismus geht man davon aus, dass sich alle Fragen des Lebens allein mit naturwissenschaftlichen Methoden beantworten lassen. Aussagen, die sich nicht mit Methoden der Naturwissenschaft begründen lassen, sind entweder sinnlos oder sie betreffen nicht existente Dinge (1). Dazu fordert der Szientismus, alle Bereiche der Gesellschaft ausschließlich mit naturwissenschaftlicher Methodik anzugehen. Ziel eines fundamentalistischen Szientismus ist der Aufbau einer Szientokratie, der Herrschaft der Naturwissenschaft in allen Bereichen der Gesellschaft, selbst innerhalb menschlicher Beziehungen und der Ethik (2). Alles habe sich dem Primat der exakten Naturwissenschaften unterzuordnen. Das nun hat etwas beängstigend Irrationales an sich, das an schlimme Zeiten während des Mittelalters erinnert – gewiss mit entgegengesetzten Vorzeichen: Die Wissenschaft hat nun die Rolle der Religion übernommen. Man sieht: Im Streit um die Homöopathie geht es um weit mehr als nur um die Wirksamkeit von Zuckerkügelchen.

2. Angst

Mit dem Glauben eng in Verbindung stehen kann die Angst. Das ist besonders dann der Fall, wenn der Glaube sich auf ein Welterklärungsmodell stützt, das nicht hinterfragt oder angezweifelt werden darf. Das trifft auf den fundamentalistischen Szientismus der „Skeptiker“ eindeutig zu. Andere Modelle werden kategorisch abgelehnt und bekämpft. Während bei Religionen die Angst vor allem bei den einfachen Gläubigen vorherrschen kann, z.B. gegen die „göttlichen Gesetze“ zu verstoßen und als Folge dessen im Höllenfeuer zu enden, ist die Angst im fundamentalistischen Szientismus anders gelagert. Dort hat sie damit zu tun, dass sich das Bekämpfte irgendwann (vielleicht sogar schon bald) doch als zutreffend erweisen könnte.

Sollte die Wirksamkeit von Globuli klar und allgemein anerkannt belegt werden, dann müsste man die Homöopathie nach den geltenden Regeln der evidenzbasierten Medizin offiziell anerkennen. Diese Gefahr ist durchaus real, denn die Studienlage zur Homöopathie ist alles andere als „vernichtend“ für die Anhänger Samuel Hahnemanns.

Im Fall der Homöopathie hängt über den Köpfen der „Skeptiker“ das Damoklesschwert der wissenschaftlichen Studien. Sollten diese eine Wirksamkeit von Globuli klar und allgemein anerkannt belegen, dann müsste man die Homöopathie nach den geltenden Regeln der evidenzbasierten Medizin offiziell anerkennen. Diese Gefahr ist durchaus real, denn die Studienlage zur Homöopathie ist alles andere als „vernichtend“ für die Anhänger Samuel Hahnemanns (3). Dies erklärt wohl auch, mit welcher Vehemenz die Studien zur Homöopathie angezweifelt und als „minderwertig“ eingestuft werden. Das ist die große Achillesferse der Homöopathiekritik. Und hier droht Gefahr selbst aus dem eigenen Lager:

Wie viele Landesärztekammern zuvor hat jene von Mecklenburg-Vorpommern im Juni 2020 die Weiterbildung in Homöopathie gestrichen. Der Präsident der Kammer, Professor Andreas Crusius, sprach sich gegen die Streichung aus, musste sie aber mittragen. Ohne sich offen zur Homöopathie zu bekennen, bezog er in den Medien jedoch klar Stellung: „Nehmen wir einmal an, es gibt in zwei Jahren Studien (evidenzbasierte), dann bin ich der Erste, der den Antrag stellt, das wieder einzuführen, weil: wer heilt, hat recht.“ (4). Solche Aussagen können den Gegnern der Homöopathie nicht gefallen, lenken sie doch den Blick genau auf besagte Achillesferse ihrer Argumentation.

Nun ist der Präsident einer Landesärztekammer ein Vertreter der Schulmedizin, kann aber sicher nicht zum Lager der Globuli-Gegner gerechnet werden, wenn er solche Aussagen macht. Weit gefährlicher sind Äußerungen, die in die gleiche Richtung gehen, wenn sie vom medialen Aushängeschild der Anti-Homöopathie-Kampagne stammen, der Ex-Homöopathin und Ex-Chefin des Informationsnetzwerks Homöopathie (INH) Dr. Natalie Grams. Auf die Frage was wäre, wenn die Wissenschaft die Wirksamkeit der Homöopathie doch nachweisen würde, erklärte sie offen: „Wissenschaft ist dazu da, Wissen zu schaffen. Und wenn dieses Wissen jetzt sozusagen erbracht wäre, dann käme das zwar einem Wunder gleich, das mehrere Nobelpreise rechtfertigen würde. Aber wenn das so wäre, ich wäre die Erste die zurückgeht in ihre Praxis. Ich würde mich freuen!“ (5).   

Diese Ausführung von Natalie Grams kann wohl als größer Fauxpas in ihrer Laufbahn als Homöopathie-Gegnerin bezeichnet werden. Da hilft auch die Einschränkung „es käme einem Wunder gleich“ nichts. Die Aussage steht im Raum: Wenn der Homöopathie der Wirkungsnachweis gelingt, kehrt Natalie Grams mit Freude in ihre homöopathische Praxis zurück. Man kann sich gut vorstellen, wie die eingefleischten „Skeptiker“ die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben, als sie das hören mussten. Und dann muss ihnen wohl der Angstschweiß auf die Stirn getreten sein. Natalie Grams „Wenn das so wäre …“ können sie nur mit einem „Kann aber niemals sein …“ entgegnen. Womit wir wieder beim Glaubenssystem des fundamentalistischen Szientismus wären.

Inzwischen ist Natalie Grams (förmlich über Nacht) von allen Ämtern im Informationsnetzwerk Homöopathie zurückgetreten. Das war schon vor Ausstrahlung des besagten Interviews. Ein Zusammenhang ist also nicht erwiesen. Die Frage, ob man in der Führungsetage des INH nicht schon vor dem Sendetermin von der brisanten Aussage ihrer Leiterin wusste, steht allerdings im Raum.

(1) https://lexikon.stangl.eu/16931/szientismus/

(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Scientokratie

(3) https://www.xn--homopathie-forschung-59b.info/category/klinische-forschung/

(4) https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/nordmagazin/Homoeopathie-Aerztekammer-kippt-Weiterbildung,nordmagazin75110.html?fbclid=IwAR2nKJP3cEw-yuxQ6RLaDVv57dhhkdqWoy9AOFi-2_xWf_IvgfYLLypB4GU

(5) https://www.rbb-online.de/wahrheit/videos/die-wahrheit-ueber—-homoeopathie.html

„Macht keinen Spaß“ – Warum Eckart von Hirschhausen nicht über Homöopathie diskutieren will.

Screenshot von https://www.spektrum.de/video/recht-gute-medizin/1702270

Eckart von Hirschhausen mag keine Globuli. Eckart von Hirschhausen mag aber Natalie Grams. Eckart von Hirschhausen mag Natalie Grams, weil es Spaß macht, von ihr gesagt zu bekommen, warum er Globuli nicht mögen soll

„Haaa! Ich könnte ihr lange zuhören …“ Mit diesen Worten beendet Eckart von Hirschhausen ein Interview mit der Homöopathie-Gegnerin Natalie Grams, in dem er für deren neues Podcast wirbt (1). Der medial allgegenwärtige Kabarettist, Showmaster, Autor und Mediziner ist ein Freund der sogenannten „Skeptiker“, die gegen alles zu Felde ziehen, was mit dem streng rationalistischen und materialistischen Weltbild der Naturwissenschaft in Konflikt steht, also auch gegen die Homöopathie. Da reiht sich Eckart von Hirschhausen gerne ein und redet auch einmal auf entsprechenden Veranstaltungen.

Mit überzeugten Homöopathieanhängern möchte Hirschhausen hingegen nicht diskutieren. Der Grund ist simpel: Es mache keinen Spaß und bringe auch niemandem etwas (2). Diskutieren müsse man auch nicht über die Studienlage zur Homöopathie. Die sei eindeutig: An den Globuli ist nichts dran. Das sei alles klar und inzwischen wissenschaftlich belegt. Über tausend Studien würden das zeigen (3). Man sieht: Auch rote Nasen schützen vor Fake-News nicht. Stimmt nämlich alles nicht: Die Studienlage ist eben nicht eindeutig. Keine einzige Studie hat die Homöopathie widerlegt, schon gar keine tausend. Vielleicht will der Humor-Mediziner auch deshalb nicht mit Homöopathen diskutieren. Er könnte ja mit den Tatsachen konfrontiert werden. Er könnte auch erkennen müssen, dass man den Angaben der Skeptiker nicht unbesehen Glauben schenken darf. Klar: Das würde ihm keinen Spaß machen.

Sich auf Grund vermeintlicher Spaßlosigkeit einer Diskussion zu verweigern, ist wenig souverän. Eckart von Hirschhausen bedient nun mal andere Formate: Show und Quiz sind eben nicht aufs Nachdenken ausgerichtet.

Ich denke, eine Diskussion sollte nicht in erster Linie Spaß machen, sondern das Denken und Urteilen der Diskutierenden schulen. Eine Diskussion sollte die Fähigkeit trainieren, sich der Sichtweise und den Überzeugungen des Gegenübers zu öffnen. Solche Diskussionen können unbequem aber inspirierend sein. Wer von vornherein ausschließt, von seiner Meinung abzuweichen, sollte in keine Diskussion gehen. Dass Eckart von Hirschhausen der Spaß natürlich sehr wichtig ist, ist nachvollziehbar. Aber sich aufgrund vermeintlicher Spaßlosigkeit einer Diskussion zu verweigern, ist wenig souverän. Eckart von Hirschhausen bedient nun mal andere Formate: Show und Quiz sind eben nicht aufs Nachdenken ausgerichtet. Dabei kann er durchaus auch anders, was er in anderen Bereichen schon unter Beweis gestellt hat, in Büchern etwa oder in TV-Dokus. Aber die Sache mit den Zuckerkügelchen eignet sich für ihn scheinbar nicht für die „seriöse“ Ebene medialer Darstellung. Beim Thema Globuli geht es ums Spaß haben. Und den hat er scheinbar, wenn er sich über die Anhänger Hahnemanns lustig macht.

Übrigens: Eckart von Hirschhausen mag keine weißen Kügelchen, wohl aber rote. Die sind zwar etwas größer als die weißen und bestehen nicht aus Zucker sondern aus Schaumstoff. Man kann sie sich auf die Nase stecken. In beiden ist nichts drin außer Zucker bzw. Kunststoff. Erst wenn sie in direkten Kontakt mit Menschen kommen, passiert etwas mit ihnen. Etwas Zauberhaftes. Etwas Magisches. Etwas Unbeschreibliches. Ohne Mensch sind sie nichts. Erst die Beziehung erschafft eine neue Wirklichkeit. Also doch alles Placebo? Ja und nein … Darüber könnte man nun diskutieren. Wenn man denn wollte. Ich vermute, Eckart von Hirschhausen hört da lieber weiterhin Natalie Grams zu. Ist weniger anstrengend. Macht mehr Spaß.

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(1) Podcast Recht gute Medizin auf Spektrum.de: https://www.spektrum.de/video/recht-gute-medizin/1702270

(2) Skeptiker-Interview mit Eckart von Hirschhausen auf blog.gwup.net: https://blog.gwup.net/2016/12/15/skeptiker-interview-mit-eckart-von-hirschhausen-ich-mochte-vermitteln/

(3) Eckhart von Hirschhausen: Die wundersame Macht der Gedanken, in „Sternstunde Philosophie“: https://www.youtube.com/watch?v=iFVeIkE1OXs

Buchtipp: Warum mag Meister Eckart keine Globuli – Fragen an einen weisen Arzt

Abschreiben: Sehr gut – Medizinstudierende fordern Globuli-Aus

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Wenn man etwas nicht weiß, versucht man sich die Informationen woanders zu holen. Das gehört zum inoffiziellen Lernstoff jeder Schule, d.h. Schülerinnen und Schüler lernen das als eine der grundlegenden Reaktionsmuster in ihren Lehranstalten schon sehr früh. Autodidaktisch, deshalb inoffiziell. Bei Klassenarbeiten und Prüfungen nennt man das spicken. Das Muster wird verinnerlicht und auch in späteren Lehr- und Ausbildungszeiten gerne angewendet. Selbst an Universitäten von Studierenden. Auch solchen, die Medizin studieren.

Diese haben 2004 einen Verein gegründet: die „Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V.“ Sie vertritt nach eigenen Angaben über 90 000 angehende Ärztinnen und Ärzte. Als Interessenvertretung dient der Verein der Meinungsbildung der Medizinstudierendenschaft und verschafft dieser eine Stimme auf Bundesebene. Damit sich die Medizinstudierenden in Deutschland zu einem Sachverhalt eine Meinung bilden können, verfasst die Bundesvertretung Positionspapiere. Mitte Mai 2020 veröffentlichte sie ein solches zur Homöopathie. Dieses beginnt mit dem Satz: „Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd) stellt die fehlende Evidenz für die Wirksamkeit homöopathischer Behandlungen und Arzneimittel fest“. Somit sollen alle angehende Ärztinnen und Ärzte eine klare Position zur Homöopathie einnehmen: Sie ist unwirksam und damit abzulehnen – mit den daraus folgenden politischen Forderungen: Raus aus Apothekenpflicht und Krankenversicherung, keine Aus- und Weiterbildung in Homöopathie mehr, Verpflichtung, bei Werbung auf die angeblich fehlende Wirksamkeit aufmerksam zu machen etc. Wie sind die Jungakademiker auf diese eindeutige Einschätzung gekommen? Wie man es halt auch an Unis immer wieder macht: durch Spicken und Abschreiben.

Natürlich haben Medizinstudierende für gewöhnlich null Ahnung von Homöopathie. Das ist kein Vorwurf. Schließlich ist man/frau ja an der Uni, um Wissenslücken zu schließen. Ihr Wissen über Globuli haben sie aber nicht an der Hochschule erhalten sondern durch das Studium der Veröffentlichungen von Meinungsbildner zum Thema. Und da gibt es für sie scheinbar nur einen wirklich seriösen: Das „Informationsnetzwerk Homöopathie“ (INH). Dessen Kernanliegen ist es, „dass der Homöopathie keine öffentliche Glaubwürdigkeit und auch kein Platz im öffentlichen Gesundheitswesen mehr eingeräumt wird.“ (Offener Brief an Ministerpräsidentin Manuela Schwesig von 2019). Das Positionspapier zur Homöopathie liest sich wie eins zu eins vom INH übernommen. Es läuft also so: Organisierte Homöopathie-Gegner haben das erklärte Ziel, die öffentliche Reputation der Homöopathie zu zerschlagen. Sie präsentieren ihre Einschätzung als zweifelsfreie Fakten. In der Sache unkundige Vertreter der Medizinstudierenden übernehmen diese Einschätzung und präsentieren sie als offizielle Feststellung ihren Mitgliedern. Folge: Über 90 000 angehende Medizinerinnen und Mediziner übernehmen die Meinung „Globuli sind Humbug“, weil ihre Interessenvertreter diese als Positionspapier so veröffentlicht, und diese wiederum beim INH abgeschrieben haben.   

Studien, Reviews und Metaanalysen sind Interpretationen von nackten Zahlen. Man kann diese als Fakten bezeichnen, aber gewiss nicht als „zweifelsfrei“ oder „eindeutig“.

Die Studierendenvertreter argumentieren, es sei zweifelsfreier Fakt, dass Globuli keine Wirksamkeit hätten. Nein, das ist kein Fakt (zumindest kein zweifelsfreier), das ist die Einschätzung der gegenwärtigen Datenlage durch eine Mehrheit der Wissenschaftler. Diese Daten stammen aus Studien, Reviews und Metaanalysen. Die Zahlen und Statistiken aber sind nicht einheitlich. Man muss die überwiegende Mehrzahl der Daten ausklammern, um zum Schluss zu kommen, Homöopathie habe keine Evidenz. Studien, Reviews und Metaanalysen sind Interpretationen von nackten Zahlen. Man kann diese als Fakten bezeichnen, aber gewiss nicht als „zweifelsfrei“ oder „eindeutig“. Die gegenwärtige Studienlage als Grundlage herzunehmen, über die Homöopathie ein definitives und endgültiges Urteil zu sprechen ist unwissenschaftlich.

„Aber es ist doch allgemeiner wissenschaftlicher Konsens …“ wird nun gleich eingewendet. Mag sein. Aber der ist auch kein Fakt. Auch der ist eine Meinungsbildung innerhalb der Wissenschaft, der allgemein akzeptiert wird. Nur hat sich der wissenschaftliche Konsens immer geändert. Galileo Galilei hat der wissenschaftliche Konsens des frühen 17. Jahrhunderts fast das Genick gebrochen. Ob das die Medizinstudierenden zum Nachdenken bringt, und der Drehzahl ihres jugendlich-forschen Drives etwas den Schwung nimmt? Das mag man bezweifeln. Man dürfte zur Antwort erhalten: „Medizin hat sich an harte Fakten zu halten – auch wenn die Wissenschaft nur der Meinung ist, sie seien hart. Und schließlich: Wo nichts drin ist, kann auch nichts wirken. Noch Fragen?“ Ja, liebende Studierendenvertreter. Noch viele.

Patienten funktionieren nur selten nach Lehrbuch und widersetzen sich oft einem therapeutischen Schema F, sei es noch so wissenschaftlich fundiert. Das haben sie mit Globuli gemein.

Auch ihr werdet euch noch viele stellen müssen, wenn das Studentenleben einmal ein Ende hat, und euer Alltag von den Krankheiten und Leiden der euch Anvertrauten bestimmt wird. Werdet ihr dann auch die schätzungsweise 80 Prozent der Therapien der offiziellen Medizin ablehnen, denen ebenfalls eine zweifelsfreie und eindeutige Evidenz fehlt? Werdet ihr nie ein Antidepressivum verschreiben, weil die Studienlage belegt, dass deren Evidenz äußerst mangelhaft ist? Was werdet ihr tun, wenn eine Patientin, ein Patient erfolglos aber leitliniengetreu austherapiert wurde? Habt ihr dann auch nur die Floskel parat: „Tja, da müssen sie halt damit leben?“ Praktisch angewandte Medizin ist ein verdammt hartes Geschäft. Ihr werdet bald feststellen: Patienten sind „Problemmenschen“. Sie funktionieren nur selten nach Lehrbuch und widersetzen sich oft einem therapeutischen Schema F, sei es noch so wissenschaftlich fundiert. Das haben sie mit Globuli gemein. Globuli kann man ablehnen und einen großen Bogen um sie machen. Um Patienten nicht. Zumindest nicht, wenn man als Ärztin oder Arzt arbeitet. Ansonsten müsste man aus dem Arztberuf aussteigen. Das wäre konsequent. Dafür gibt es ja bei den Homöopathie-Gegnern ein prominentes Beispiel.

Von Denkallergien und anderen intellektuellen Flatulenzen

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Unter Schädel- und Bauchdecke verbergen sich Ähnlichkeiten. Hier die Schlingen, denen unser Denken entspringt, dort jene, die für das Verdauen zuständig sind. Hirn und Darm (zumindest der dünne) sehen sich verblüffend ähnlich. Inzwischen weiß man, dass sie auch nerval verdammt gut vernetzt sind. Im Ausscheiden sind sie ebenfalls verwandt. Sie sondern beständig etwas ab. Da Gedanken, dort Exkremente. Ob die sich auch ähneln, hängt von der Person ab, denen Hirn und Darm gehören. Damit kommen wir zur Sache.

Arno Frank ist Korrespondent für Inneres bei der taz, jener Zeitung mit Tatze und Identitätskrise. Letzterer ist es wohl geschuldet, dass Herr Frank sich Gedanken über die Verknüpfungen der Bio-Szene mit den Corona-Verschwörungsanhängern machte. In einem langen Artikel sinnierte er über die Frage, ob Bio wirr mache. Mit wirr meint Herr Frank Meisen. Nicht reale, nein, vielmehr solche, die man hat, wenn man dummes Zeug denkt oder tut. So wie die Verschwörungsanhänger, die Bill Gates als Wiedergeburt Satans und Angela Merkel als dessen willige Marionette betrachten. So, wie der Ober-Veganer Attila Hildmann oder der Rapunzel-Chef Joseph Wilhelm, der seine Naturkost mit braungetünchten Verschwörungsflausen garniert unters grün-alternativ-ökologisch-homöopathische Volk bringen möchte. Oder so, wie die „durchgeknallte“ Riege der Impfgegner. So, wie die völkisch Nationalen, die Natur als Blut und Scholle definieren. Bio-Nazis eben. Herr Frank hat sich einen großen Topf besorgt, in den er alles werfen kann. Differenzieren ist nicht so seine Sache. Stört wohl auch den rundumschlagenden Schreibfluss.

Die Ökos, Bios, Homöos und Faschos sind aus ein und demselben Sumpf gekrochen . Wer ganzheitlich denkt, ist auch ein Freund von Brauntönen aller Art.

Dazu berechtigt sieht er sich durch gewisse „wissenschaftliche Erkenntnisse“, die Ökos, Bios, Homöos und Faschos aus ein und demselben Sumpf gekrochen betrachten. Wer ganzheitlich denke, sei auch ein Freund von Brauntönen aller Art. Das läge daran, „dass alles ‚Alternative‘, das Faschistoide wie das Ökologische, der gleichen Ursuppe entstiegen ist“, so der Mann von der taz im schleimfreien Brustton der Überzeugung. Frank glaubt zu wissen, dass sich das Grün der Öko-Bewegung aus dem Braun der Faschisten entwickelt habe. Und die Globuli der Hahnemann-Jünger erschienen nur äußerlich im Weiß der sanftmedizinischen Unschuld. Was Frank als „Ursuppe“ bezeichnet, definiert er leider nicht genau. Es soll etwas Aufständisches sein, etwas, das sich gegen politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche oder wissenschaftliche Systeme stellt. Dadurch, dass es anders denkt, als man es im jeweiligen System erwartet oder verlangt. So wie man sich damals mit Freikörperkultur, Naturkost und aufmüpfiger Kunst gegen das Kaiserreich stemmte – so Franks Beispiel. Was dann scheinbar wegbereitend direkt in den Nationalsozialismus führte. Schließlich war dessen Begründer nicht nur größenwahnsinnig, sondern auch bekennender Vegetarier, wie Frank es den Lesenden nochmals mahnend ins Gedächtnis ruft.

„Die Waren sind weder verpackt, noch geordnet“ moniert Herr Frank, und verweist lobend auf die Reinraumatmosphäre bei Aldi und Rewe, die scheinbar noch immer jeden Deutschen (m/w/d) beglückt.

Dass es eine braun-esoterische Szene gibt, ist seit langem bekannt. Dass sich diese mit jener ökologischen Szene mit besserverdienendem Hintergrund sehr weit überschneide (der sich inzwischen große Teile der Bevölkerung als zumindest nahestehend empfinden), ist die bloße Meinung des Schreibers. Umfragen besagen genau das Gegenteil. Deren Zahlen erwähnt auch Frank, um im nächsten Satz ganz tief in den Sumpf des Subjektiven abzutauchen. Egal, was die Zahlen sagen, man müsse doch nur in so einen Bioladen gehen: Da rieche es schon beim Betreten nach dem unappetitlichen Schrumpelgemüse, dem man den Konservierungsstoffmangel bereits von weitem ansehe. „Die Waren sind weder verpackt, noch geordnet“ moniert Herr Frank, und verweist lobend auf die Reinraumatmosphäre bei Aldi und Rewe, die scheinbar noch immer jeden Deutschen (m/w/d) beglückt. Bioläden sind für ihn ein geweihter Bezirk, dort einzukaufen eine Kulthandlung. Und alle, die darauf stehen, hätten besagte Meise unterm Pony oder nicht alle Tassen im Schrank.

Womit wir wieder beim Schädel und unserem Denkorgan angelangt sind. Und seinen Verknüpfungen zu Bauch und Verdauung. Immer mehr Menschen leiden unter Nahrungsmittelallergien. Dabei wehrt sich die Darmschleimhaut gegen an sich harmlose Nahrungsbestandteile, erkennt sie als fremd und gefährlich, und beginnt sie zu bekämpfen. Die Folgen dieses Kampfes spüren die Leidtragenden nicht selten beträchtlich: Durchfall, Schmerzen, Blähungen, oder Symptome über den ganzen Körper verteilt. Vielleicht gibt es solche pathologischen Vorgänge ja auch im Gehirn – sozusagen als Denkallergien. Der Denkallergiker macht aus für ihn fremden Gedanken, die er nicht versteht, nicht nachvollziehen und in sein Denksystem einordnen kann, höchst gefährliche Eindringlinge, gegen die konsequent vorgegangen werden muss. Wie im Darm kommt es dabei zu Beschwerden. Im Bereich Bauch mit am unangenehmsten sind die häufigen gasigen Entweichungen. Ähnlich verhält es sich bei der Denkallergie. Nur ist dort das Entweichen komplexer als beim Darm. Es zeigt sich mitunter in intellektuell-geistigen Ergüssen, mal verbaler, mal literarischer Art. Herr Frank zählt wohl zu diesen bedauernswerten Zeitgenossen mit Denkallergie. Nur einen wichtigen Unterschied gibt es zwischen intestinalen und intellektuellen Fürzen: Erstere verflüchtigen sich recht bald wieder. Bei letzteren gibt es heutzutage eine virtuelle Konservierung. So wird auch sein Artikel „Macht Bio wirr?“ wohl zu einem digitalisierten Dauerfurz ohne Verfallsdatum. Wohl dem, der noch bio furzen kann.

Der Placeboeffekt – Eine Heilung zweiter Klasse?

Foto: Hans-Josef Fritschi

Kaum ein Begriff ist mit dem Thema Alternativmedizin so eng verknüpft wie der des Placeboeffekts. Dabei besteht diese Verbindung nicht per se, sie ist vielmehr konstruiert. Wenn die These aufgestellt wird „Globuli sind Placebos“ (wie häufig in den sozialen Netzwerken zu lesen ist), dann ist das weit weg von einem harten wissenschaftlichen Fakt. Für diese Aussage wurde noch nie ein zweifelsfreier Beweis vorgelegt. Der Placeboeffekt kann also nicht als Totschlagargument gegen die Homöopathie (und auch nicht gegen die ganze Alternativmedizin) dienen. Man muss sogar sagen, dass in der derzeitigen Diskussion um Globuli & Co. mit diesem Begriff nicht selten Missbrauch getrieben wird. Die wahre Bedeutung des Placebos wird jedenfalls kaum wahrgenommen und somit auch selten diskutiert.

Der Missbrauch beginnt mit der Gleichsetzung von Placebos mit Unwirksamkeit, indem die Gleichung aufgemacht wird: wirkstofffrei gleich wirkungslos. Daraus wird dann schnell der Fehlschluss: Placebos sind unwirksam – Globuli sind Placebos – also sind Globuli unwirksam. Schon die erste Prämisse wird durch jede kontrollierte Doppelblindstudie widerlegt. In der Placebogruppe ist immer eine Wirkung nachweisbar. Diese kann zwar nach gängiger Auffassung nicht durch das zu prüfende Arzneimittel direkt hervorgerufen worden sein, sie ist aber unbestritten vorhanden und zweifelsfrei statistisch messbar. Somit ist die Aussage „Placebos sind unwirksam“ falsch. Richtig ist vielmehr das Gegenteil: Placebos sind wirksam. Wie diese Wirkung zustande kommt, ist nur in ersten Ansätzen bekannt. Eines macht der Placeboeffekt deutlich: Ein Impuls zur Besserung krankhafter Symptome (oder gar zur Heilung von Krankheiten) kann auch aus dem Patienten selbst kommen. Eigentlich ist der Placeboeffekt lediglich ein sicherer Beleg dafür, dass es so etwas wie Selbstheilungskräfte tatsächlich gibt. Ein Placeboeffekt ist im Grunde genommen eine besondere Art von Selbstheilung. Dass der Organismus sich selbst heilen kann, gilt als unbestritten.

Wenn dem so ist, muss man die Frage stellen, welche Rolle die Selbstheilungskräfte innerhalb der Medizin spielen. Für die Schulmedizin muss man klar feststellen: kaum eine. Sie werden als Phänomene akzeptiert, sind aber in der konkreten therapeutischen Arbeit keine festen Größen, die man ganz spezifisch regulieren, stimulieren oder auf sonst eine Art zu beeinflussen sucht. Es gibt sie. Viel mehr hat die konventionelle Medizin nicht dazu zu sagen. Das ist ziemlich dürftig, wenn man bedenkt, welche zusätzlichen Möglichkeiten sich der Medizin öffneten, gelänge es, die selbstregulierenden Prozesse gezielt und auf wissenschaftlich solider Basis zur Therapie einzusetzen.

Dem Placeboeffekt haftet noch immer das Klischee des Unwirksamen an, was aber gar nicht zutrifft.

Inzwischen haben sich auch Placebo-Forschende in die Diskussion um die Alternativmedizin eingeschaltet. Sie plädieren klar dafür, unkonventionelle Heilverfahren in der Medizin zu belassen. Zwar sehen die meisten von ihnen es so, dass diese Methoden (zumindest zu einem überwiegenden Teil) über den Placeboeffekt wirksam seien, das dürfe aber niemals ein Grund sein, sie aus der Medizin auszugrenzen. Eine solche Forderung zeige nur, dass man die Bedeutung des Placeboeffekts und seinen Beitrag zur Therapie nicht richtig verstanden habe. Dem Placeboeffekt hafte noch immer das Klischee des Unwirksamen an, was aber gar nicht zutreffe. Professor Manfred Schedlowski, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie an der Universität Essen geht noch einen Schritt weiter, wenn er feststellt, dass die Unterscheidung in Schul- und Alternativmedizin einem Denken von gestern oder vorgestern geschuldet ist. Seiner Meinung nach wäre es jetzt an der Zeit, beide Arten von medizinischen Interventionen zu verbinden.

Nach Auffassung des klinischen Psychologen und Philosophen Professor Harald Walach würden in der modernen Medizin die Placeboeffekte (die ja auch in ihr zum Tragen kommen) bagatellisiert, weil sie nicht ins gängige „Maschinenmodell“ des Menschen passten. Der Placeboeffekt sei heute immer noch eine Art „Schimpfwort“ in der Medizin. Dabei sei er eigentlich (wenn man es genauer betrachte) der Kern und das Rückgrat einer jeden medizinischen Bemühung. Placeboeffekte zeigten eindrucksvoll auf, zu welchen therapeutischen Eigenleistungen der Organismus fähig ist. Spezifische Wirkungen und Placeboeffekte sind nach Walach so eng miteinander verwoben, dass man sie gar nicht trennen könne. Er glaubt, ohne die Fähigkeit zur Selbstheilung wäre keine medizinische Maßnahme so wirksam, wie sie sich im klinischen Alltag darstellt. Es könne durchaus sein, dass der spezifische Effekt von Arzneimitteln auf dem Rücken des Placeboeffekts reite.

Der Placeboeffekt spielt bei den unkonventionellen Heilverfahren sicher eine wichtige Rolle. Das tut er aber bei jeder therapeutischen Intervention. Mit ihm zu arbeiten sollte eigentlich ein Kennzeichen für „gute Medizin“ sein. Wenn eine Heilung über den Placeboeffekt zustande kommt, das ist das gewiss keine Heilung zweiter Klasse.