Du sollst keine anderen Wissenschaften neben mir haben

Wird der Radikal-Szientismus zur Religion der Post-Covid-Ära?

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Virologe Christian Drosten war begeistert und verlinkte den Beitrag in den sozialen Netzwerken. Auch Karl Lauterbach äußerte sich zustimmend. Die ZEIT hatte wieder einmal einen „richtig guten“ Beitrag veröffentlicht. Dieser stammte von Gastautor Ralf Bönt, und er war mit dem imperativen Titel: „Die Wahrheit ist nicht relativ“ überschrieben. Im Text ging es um die Wissenschaft und ihre Feinde. Und die Macht, die eindeutig auf Seiten ersterer zu sein habe: Wissen ist Macht. Und Macht müsse im Gefahrenfall dafür eingesetzt werden, Feinde in ihre Schranken zu weisen. Das ist jetzt natürlich sehr verkürzt wiedergegeben, was Ralf Bönt in seinem Aufsatz sagte. Aus einer Metaebene betrachtet könnte man sagen: Der Autor verfasste ein Loblied auf die Wissenschaft mit dezidierter Betonung auf die Wissenschaft. Denn seiner Meinung nach gebe es nur eine einzige Wissenschaft. Das sei die Naturwissenschaft. Sie sei die einzig verlässliche Grundlage jeder Welterkenntnis. Andere Wissenschaften hätten nur dann ein Recht beachtet und gehört zu werden, wenn sie sich dem Primat der Naturwissenschaften unterordnen. Täten sie es nicht, müssten sie sich den Vorwurf der Wissenschaftsfeindlichkeit gefallen lassen. Und Feinden müsse man sich entgegenstellen und sie letztlich besiegen. Mit Macht. Bönt  führt dabei den Schöpfer des Wissen-ist-Macht-Imperativs Francis Bacon an: „Man besiegt die Natur, indem man ihren Gesetzen gehorcht.“

Wenn im Streit um die Wissenschaften mit Begriffen wie Gesetz und Wahrheit der Naturwissenschaft argumentativ Beistand geleistet wird, sollte man hellhörig werden.

„Indem man auf die Gesetze horcht“ bedeutet für Bönt, die Naturgesetze als letzte Wahrheit kompromisslos anzuerkennen. Für ihn sind sie nicht zu diskutierende Grundlage einer „Lehre von der Wahrheit“, wie er es formuliert. Da Wahrheit nicht relativ sei, könne es auch keine zwei Wahrheiten geben. Daraus zieht Bönt  den Schluss: Es gibt nur eine Wissenschaft. Und das ist die Naturwissenschaft. Dem könnte man zustimmen, würden die Naturgesetze tatsächlich letztgültige Wahrheiten abbilden. Dem ist aber nicht so, wie jeder Wissenschaftstheoretiker weiß. Naturgesetze gelten zwar universell, aber nur unter bestimmten Bedingungen. Bönt  aber ist es wichtig, die Verknüpfung von Gesetz und Wahrheit zu postulieren. Wenn im Streit um die Wissenschaften mit Begriffen wie Gesetz und Wahrheit der Naturwissenschaft argumentativ Beistand geleistet wird, sollte man jedoch hellhörig werden.

Gesetze und Wahrheiten gehören weniger in den Bereich der Wissenschaften als in jenen des Religiösen, speziell der abrahamitisch-monotheistischen Religionen. Damit sollen physikalische Gesetze nicht relativiert werden. Sie gelten selbstverständlich – in jenem Teil der Wirklichkeit, für den die Physik zuständig ist. Indem Ralf Bönt  in seinem Artikel allerdings großen Wert auf Naturgesetze und Wahrheiten legt, um die Deutungshoheit der Naturwissenschaft im Diskurs zu verdeutlichen, verlässt er den rein wissenschaftlichen Boden und taumelt unversehens in Richtung des verminte Feldes des Ideologischen. Sicher, für seine Sicht der Dinge gibt es in der Wissenschaftstheorie eine Grundlage, den Szientismus. Dieser aber ist in seiner radikalen Ausprägung nichts weiter als eine in Wissenschaftlichkeit gehüllte Ideologie, eine rationalistische Pseudo-Religion mit dogmatischem Unterbau.

Der Radikal-Szientismus verengt den Begriff Wissenschaft ausschließlich auf die Naturwissenschaft und behauptet, andere Wissenschaften wären dieser untergeordnet. Letztlich hätten diese nur eine Existenzberechtigung, wenn sie sich in das von der Naturwissenschaft vorgegebene Koordinatensystem eingliedern würden.

Szientismus besagt, dass man die Wirklichkeit nur mit wissenschaftlichen Methoden erfassen kann. Was sich nicht mit Mitteln der Wissenschaft erklären lässt, ist für Szientisten (Selbst)Täuschung oder es existiert schlicht nicht. Nun ist diese Ansicht an sich nicht grundsätzlich zu kritisieren, wenn man die Definition von Wissenschaft in einem universellen Licht betrachtet. Der Radikal-Szientismus verengt den Begriff Wissenschaft jedoch ausschließlich auf die Naturwissenschaft und behauptet, andere Wissenschaften wären dieser untergeordnet. Letztlich hätten diese nur eine Existenzberechtigung, wenn sie sich in das von der Naturwissenschaft vorgegebene Koordinatensystem eingliedern würden. In der aktuellen Corona-Debatte stößt sich Bönt vor allem an Vertretern und Vertreterinnen der Geisteswissenschaften, wenn sie sich hier zu Wort melden. Er nennt sie unumwunden spöttisch „Großdenker anderer Disziplinen“ und meint vor allem Philosophen und Historiker. Diese sind natürlich keine Experten für Virologie oder Epidemiologie, sollten sich aber durchaus zu Wort melden dürfen. Schließlich ist die Corona-Krise kein isoliert virologisches Geschehen. Das scheint Bönt anders zu sehen und sähe es lieber, solche Leute hielten den Mund und ließen nur Experten der Fachgebiete reden. Sie hätten die Fakten und damit die Wahrheit in Sachen Corona.  

Nun ist ein wichtiges Kennzeichen aller Wissenschaftlichkeit, dass sie das Erkannte grundsätzlich als vorläufig ansieht. Somit gehört zu ihr das Wesensmerkmal, sich irren zu können, falsch zu liegen und sich korrigieren zu müssen. Das gilt aber nicht nur für das durch wissenschaftliche Methoden Erkannte, es gilt auch für die wissenschaftlichen Methoden des Erkenntnisgewinns selbst. Diesen Aspekt aber lehnt der Radikal-Szientismus ab. Für ihn ist die Herrschaft der Naturwissenschaft auch in diesem Bereich nicht verhandelbar: Nur Naturwissenschaft bietet die Möglichkeit, verlässliches Wissen zu generieren, so das Credo. Da diese Auffassung im Radikal-Szientismus dogmatischen Charakter hat (man sich hierin per se also nicht irren kann), stehen Radikal-Szientisten im Grunde genommen außerhalb der Wissenschaft, während sie sich gleichzeitig als die wahren Hüter der Wissenschaft bezeichnen.

Der Radikal-Szientismus sieht sich als eine reine Lehre auf Basis physikalistischer, reduktionistischer und naturalistischer Prämissen, die es gegen irrationale Einflüsse jeder Art zu verteidigen gelte.

Sicher: Der Schriftsteller und Physiker Ralf Bönt eignet sich nicht unbedingt als Gallionsfigur für radikal-szientistische Kreuzzüge. Zwar plädiert er für die Vorherrschaft des rationalen Denkens über das religiöse Glauben in mythischen Ebenen – zumindest wenn es um Welterkenntnis geht. Aber er möchte sich an keinen Glaubenskriegen beteiligen und bekennt sich zu einer friedlichen Koexistenz. Auch mahnt er, nicht leichtfertig in atheistische Reflexe zu verfallen und Religion mit Kirche gleichzusetzen. Vielleicht sieht er es als erstrebenswert an (so zumindest die Vermutung), dass sich das Religiöse transformiert, indem es sich zurücknimmt im Anspruch, die Welt vom Mikroskopischen bis zum Makroskopischen und vom Geistigen bis zum Materiellen vollständig erklären zu wollen. Was man aber hier vom Religiösen verlangt, muss man zwangsläufig auch vom Rationalen verlangen, sonst wird Wissenschaft zum bloßen Religionsersatz. Der Radikal-Szientismus sieht sich als eine reine Lehre auf Basis physikalistischer, reduktionistischer und naturalistischer Prämissen, die es gegen irrationale Einflüsse jeder Art zu verteidigen gelte. Damit ist er nicht weit weg vom „Extra ecclesiam nulla salus“ (Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil) der römischen Machtkirche und dem „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ des mosaischen Gesetzes. Doch was hat das mit der Corona-Pandemie zu tun?

Die Corona-Pandemie wird gravierende Folgen haben, nicht nur was die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kollateralschäden angeht. Sie wird auch Folgen für unser Weltverständnis, unser Natur- und Menschenbild haben. Hauptgrund dafür wird die rasante Entwicklung in biotechnologischen Bereichen sein, die sich schon während der Pandemie wahrnehmen lässt. Ralf Bönt hat das in seinem Artikel gut erkannt: Gentechnik, Digitalisierung, künstliche Intelligenz etc. dürften eine „große Revolution“ ankündigen, die alle Reste eines überkommenen postmodernen Relativismus über Bord werfen wird. „Wissenschaftsfeinde“ werden im öffentlichen und politischen Diskurs kein Recht mehr einfordern können, gehört zu werden. Bönt zieht den Vergleich zur Spanischen Grippe, nach der sich Vieles grundlegend änderte: „Eine beinahe ungezügelte Erneuerung in Wissenschaft, Kunst und Politik folgte“. Die Frage, die sich manche in Anbetracht dessen nun aber stellen, ist die, wie eine Erneuerung der Wissenschaft in der Post-Covid-Ära aussehen wird, wenn sie ungezügelt ablaufen wird.  

Die Corona-Krise zeigte einmal mehr, wie erfolgreich dieses Modell in der Tat ist, vor allem durch die rasante Entwicklung von Impfstoffen mittels neuester genmanipulativer Technologien. Dies wird dazu verleiten, die Vormachtstellung der Naturwissenschaft noch mehr zu festigen. Das hat dann aber auch zur Folge, dass radikal-szientistische Thesen immer hoffähiger werden.

Wir sehen derzeit einen grandiosen Siegeszug von Technologien, die erstmals in der Geschichte das Leben und den Menschen bis in die kleinsten Einheiten hinein lenken und steuern können. Am Ende dieser Entwicklung steht die Verschmelzung des Menschen mit dem Maschinellen (Transhumanismus), was schließlich zur Überwindung des Menschen durch die Maschine selbst führen soll (Posthumanismus). Das ist nur möglich auf Basis einer Ideologie, die die ganze Natur als Maschine betrachtet. In diesem Sinne ist die gegenwärtige Entwicklung ein Höhepunkt des von Descartes im 17. Jahrhundert angestoßenen und von La Mettrie ausgeformten Maschinenmodells der Natur. Dieses Welt- und Menschenbild prägt auch die moderne Wissenschaft – und das aus gutem Grund, ist es doch extrem erfolgreich. Die Frage ist nur, ob das, was sich als erfolgreich zeigt, gleichzeitig auch wahr und wirklich gut ist, und vor allem für wen. Erfolgreich ist es eigentlich nur aus Menschensicht. Denn in ihm gilt das Gebot „Human first“. Den Preis für den Erfolg zahlt für gewöhnlich die Natur.    

Aber es ist nicht zu übersehen: Die Corona-Krise zeigte einmal mehr, wie erfolgreich dieses Modell in der Tat ist, vor allem durch die rasante Entwicklung von Impfstoffen mittels neuester genmanipulativer Technologien. Dies wird dazu verleiten, die Vormachtstellung der Naturwissenschaft noch mehr zu festigen. Das hat dann aber auch zur Folge, dass radikal-szientistische Thesen immer hoffähiger werden. Man wird künftig gerne radikal-szientistisch argumentieren und aus dieser Ideologie Handlungsanweisungen ableiten. Zumal andere Wissenschaften sich wohl nicht bedingungslos der eingeforderten Hegemonie beugen werden. Womöglich droht ein „Krieg der Wissenschaften“, eine Fortführung des ewigen Streits zwischen Idealismus und Materialismus, den die Geisteswissenschaft im offenen Kampf wohl nicht gewinnen kann, da ein solcher nur über Sieg oder Niederlage zu entscheiden ist. Gibt es in diesem Diskurs aber Sieger und Verlierer, so ist niemandem geholfen.

Sollte der Radikal-Szientismus sich aber durchsetzen und mit seinem pseudo-religiösen Anspruch zur dominanten Ideologie des 21. Jahrhunderts werden, dann dürfte er wohl nicht sehr lange existieren. Wie bei Pflanzen häufig zu beobachten, kommt vor dem Tod ein letztes großes Erblühen. Warum vieles dafür spricht, erklärt wieder Francis Bacon, den Ralf Bönt als Gewährsmann anführt. Dieser spricht explizit vom Sieg über die Natur als Ziel allen menschlichen Forschens. Eine Wissenschaft, die dieses Ziel als Grundlage hat, muss scheitern. Wenn wir den Zustand des Planeten Erde betrachten, dann können wir dieses Scheitern vor unser aller Augen erkennen. Alle jetzigen und künftigen ökologischen Katastrophen sind letztlich eine Folge eines Weltbildes, das die Natur ausschließlich als zu bekämpfende Gefahr ansieht. Und selbstredend als ein Ding, das zum eigenen Wohl ausgebeutet und geplündert werden kann. Eine Wissenschaft, die in dem alttestamentarischen Paradigma des „Macht euch die Erde untertan“ gefangen ist, wird die bedrohte Erde nicht retten können. Niemand macht den Bock zum Gärtner.

Keine Frage: Vor der drohenden Apokalypse wird uns nur die Wissenschaft retten können. Eine Wissenschaft, die auf Fakten basiert, in der keine Meinungen beliebig zu Fakten konstruiert werden dürfen und die die Ratio zur Grundlage hat. Aber die auch durch eine Vielfalt der Denkgebäude geprägt sein muss, die Wahrheitsansprüche für ihre Erkenntnisse ablehnt und sich jeder ideologischen Verbiegung entgegenstellt. Wir brauchen dringend eine Wissenschaft, die Universalgelehrte wie Alexander von Humboldt hervorbringen kann, der sagte: „Die Natur muß gefühlt werden, wer nur sieht und abstrahirt … wird die Natur zu beschreiben glauben, ihr selbst aber ewig fremd sein.“ Dem Radikal-Szientismus ist dieses Fremdsein eigen, deshalb kann er keine Zukunft haben. Es sei denn, er baut sich eine eigene Natur, die von allem Lebendigen radikal befreit ist. Eines scheint sicher: Daran wird schon eifrig gearbeitet.   

Ralf Bönt: Die Wissenschaft ist nicht relativ, ZEITonline, 2. Mai 2021 https://www.zeit.de/kultur/2021-04/wissenschaft-corona-politik-massnahmen-expertise-naturwissenschaften-forschung

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