Der Placeboeffekt – Eine Heilung zweiter Klasse?

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Kaum ein Begriff ist mit dem Thema Alternativmedizin so eng verknüpft wie der des Placeboeffekts. Dabei besteht diese Verbindung nicht per se, sie ist vielmehr konstruiert. Wenn die These aufgestellt wird „Globuli sind Placebos“ (wie häufig in den sozialen Netzwerken zu lesen ist), dann ist das weit weg von einem harten wissenschaftlichen Fakt. Für diese Aussage wurde noch nie ein zweifelsfreier Beweis vorgelegt. Der Placeboeffekt kann also nicht als Totschlagargument gegen die Homöopathie (und auch nicht gegen die ganze Alternativmedizin) dienen. Man muss sogar sagen, dass in der derzeitigen Diskussion um Globuli & Co. mit diesem Begriff nicht selten Missbrauch getrieben wird. Die wahre Bedeutung des Placebos wird jedenfalls kaum wahrgenommen und somit auch selten diskutiert.

Der Missbrauch beginnt mit der Gleichsetzung von Placebos mit Unwirksamkeit, indem die Gleichung aufgemacht wird: wirkstofffrei gleich wirkungslos. Daraus wird dann schnell der Fehlschluss: Placebos sind unwirksam – Globuli sind Placebos – also sind Globuli unwirksam. Schon die erste Prämisse wird durch jede kontrollierte Doppelblindstudie widerlegt. In der Placebogruppe ist immer eine Wirkung nachweisbar. Diese kann zwar nach gängiger Auffassung nicht durch das zu prüfende Arzneimittel direkt hervorgerufen worden sein, sie ist aber unbestritten vorhanden und zweifelsfrei statistisch messbar. Somit ist die Aussage „Placebos sind unwirksam“ falsch. Richtig ist vielmehr das Gegenteil: Placebos sind wirksam. Wie diese Wirkung zustande kommt, ist nur in ersten Ansätzen bekannt. Eines macht der Placeboeffekt deutlich: Ein Impuls zur Besserung krankhafter Symptome (oder gar zur Heilung von Krankheiten) kann auch aus dem Patienten selbst kommen. Eigentlich ist der Placeboeffekt lediglich ein sicherer Beleg dafür, dass es so etwas wie Selbstheilungskräfte tatsächlich gibt. Ein Placeboeffekt ist im Grunde genommen eine besondere Art von Selbstheilung. Dass der Organismus sich selbst heilen kann, gilt als unbestritten.

Wenn dem so ist, muss man die Frage stellen, welche Rolle die Selbstheilungskräfte innerhalb der Medizin spielen. Für die Schulmedizin muss man klar feststellen: kaum eine. Sie werden als Phänomene akzeptiert, sind aber in der konkreten therapeutischen Arbeit keine festen Größen, die man ganz spezifisch regulieren, stimulieren oder auf sonst eine Art zu beeinflussen sucht. Es gibt sie. Viel mehr hat die konventionelle Medizin nicht dazu zu sagen. Das ist ziemlich dürftig, wenn man bedenkt, welche zusätzlichen Möglichkeiten sich der Medizin öffneten, gelänge es, die selbstregulierenden Prozesse gezielt und auf wissenschaftlich solider Basis zur Therapie einzusetzen.

Dem Placeboeffekt haftet noch immer das Klischee des Unwirksamen an, was aber gar nicht zutrifft.

Inzwischen haben sich auch Placebo-Forschende in die Diskussion um die Alternativmedizin eingeschaltet. Sie plädieren klar dafür, unkonventionelle Heilverfahren in der Medizin zu belassen. Zwar sehen die meisten von ihnen es so, dass diese Methoden (zumindest zu einem überwiegenden Teil) über den Placeboeffekt wirksam seien, das dürfe aber niemals ein Grund sein, sie aus der Medizin auszugrenzen. Eine solche Forderung zeige nur, dass man die Bedeutung des Placeboeffekts und seinen Beitrag zur Therapie nicht richtig verstanden habe. Dem Placeboeffekt hafte noch immer das Klischee des Unwirksamen an, was aber gar nicht zutreffe. Professor Manfred Schedlowski, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie an der Universität Essen geht noch einen Schritt weiter, wenn er feststellt, dass die Unterscheidung in Schul- und Alternativmedizin einem Denken von gestern oder vorgestern geschuldet ist. Seiner Meinung nach wäre es jetzt an der Zeit, beide Arten von medizinischen Interventionen zu verbinden.

Nach Auffassung des klinischen Psychologen und Philosophen Professor Harald Walach würden in der modernen Medizin die Placeboeffekte (die ja auch in ihr zum Tragen kommen) bagatellisiert, weil sie nicht ins gängige „Maschinenmodell“ des Menschen passten. Der Placeboeffekt sei heute immer noch eine Art „Schimpfwort“ in der Medizin. Dabei sei er eigentlich (wenn man es genauer betrachte) der Kern und das Rückgrat einer jeden medizinischen Bemühung. Placeboeffekte zeigten eindrucksvoll auf, zu welchen therapeutischen Eigenleistungen der Organismus fähig ist. Spezifische Wirkungen und Placeboeffekte sind nach Walach so eng miteinander verwoben, dass man sie gar nicht trennen könne. Er glaubt, ohne die Fähigkeit zur Selbstheilung wäre keine medizinische Maßnahme so wirksam, wie sie sich im klinischen Alltag darstellt. Es könne durchaus sein, dass der spezifische Effekt von Arzneimitteln auf dem Rücken des Placeboeffekts reite.

Der Placeboeffekt spielt bei den unkonventionellen Heilverfahren sicher eine wichtige Rolle. Das tut er aber bei jeder therapeutischen Intervention. Mit ihm zu arbeiten sollte eigentlich ein Kennzeichen für „gute Medizin“ sein. Wenn eine Heilung über den Placeboeffekt zustande kommt, das ist das gewiss keine Heilung zweiter Klasse.

„Gute Medizin braucht keine Alternative“ – Wirklich nicht?

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Skeptiker mögen keine Globuli, das weiß man inzwischen. Seit einiger Zeit arbeiten sie emsig daran, dass auch die Gesellschaft keine Globuli mehr mag. Und auch keine Akupunkturnadeln. Und keine Eurythmie. Und keine Osteopathie (eine weitere Aufzählung erspare ich mir und Ihnen).  Das nennen sie Aufklärung. Aufklärung verstehen die Skeptiker im Sinne von „über die richtigen Fakten aufklären“. Von diesen Fakten haben sie eine ganze Menge in ihrem Argumentationsköcher: einige scharfe Pfeile (sprich Argumente), mehr stumpfe Pfeile als man denkt, und nicht wenige zurechtgebogene Pfeile. Ich möchte letztere „Pseudo-Argumente“ nennen. Ein solches ist der Ausspruch: „Gute Medizin braucht keine Alternative“. Man könnte die Aussage auch so formulieren: Gute Medizin ist alternativlos.

Was ist gute Medizin? Gute Medizin hilft dem Kranken so gut es geht und schadet ihm so wenig wie möglich. Beides gehört zusammen, sonst kann man nicht von guter Medizin sprechen. Allein dass man dies betonen muss zeigt schon: Medizin scheint ambivalent zu sein. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Wo behandelt wird, gibt es therapeutische Kollateralschäden. So ist es in der Medizin seit es sie gibt. Die Medizin hat sich im Laufe der Jahrhunderte weiterentwickelt und Vieles ist heil- oder zumindest behandelbar geworden, was früher unweigerlich zum Tode führte. Damit haben aber auch die möglichen Schäden zugenommen, die durch die Medizin entstehen können. Das aber nur nebenbei. Um diesen Aspekt geht es eigentlich nur am Rande. Viel wichtiger ist die Frage, wie viel Hilfe, Linderung oder Heilung eine Medizin wirklich bieten muss, damit sie auf Alternativen verzichten kann. Die Antwort ist einfach: Sie muss in jedem einzelnen Fall, vollkommen, vollständig und dauerhaft wirksam sein. Kann sie diesen Anspruch nicht erfüllen, muss sie entweder mit den Achseln zucken oder nach Alternativen Ausschau halten.

Das nicht selten zu hörende „Damit müssen Sie halt leben – der Nächste bitte“ ist eigentlich ein Schlag ins Gesicht der therapeutischen Ethik.

Die erste Möglichkeit sollte immer die allerletzte Option sein. Mit ihr wird in der Medizin viel zu leichtfertig umgegangen. Das nicht selten zu hörende „Damit müssen Sie halt leben – der Nächste bitte“ ist eigentlich ein Schlag ins Gesicht der therapeutischen Ethik. In der Regel (so ist zumindest zu hoffen) wird auch in jeder konventionellen Behandlung nach Alternativen gesucht, wenn die bestmögliche und leitliniengerechte Therapie versagt (was häufiger vorkommt als man denkt). Dann versucht man es eben mit Methoden oder Mitteln, die weniger Evidenz haben, aber doch vielleicht hilfreich sein können. Insoweit gibt es in der Schulmedizin jede Menge „Alternativmedizin“. Aber gute Medizin soll ja ohne Alternativen auskommen, will man uns weismachen. Diese „gute Medizin“ der Skeptiker ist keine Vision, sie ist eine Illusion. Das Scheitern gehört zum täglichen Brot jeder therapeutischen Arbeit, so wie Knecht Ruprecht zu Sankt Nikolaus.

In der Medizin braucht der Griff ins Alternative bisweilen Mut. Gerade wenn das Spektrum der anerkannten Therapien ausgereizt ist. Spätestens dann setzen die meisten Schulmediziner ihre Achseln in Bewegung: Das war’s dann. Die Mutigen unter ihnen schauen in solchen Fällen nicht nur über den Tellerrand, sondern greifen auch über ihn hinaus. Erfahrene Praktiker haben da oft am wenigsten Berührungsängste: „Ich sag’s nur unter der Hand, aber in XY gibt’s einen Geistheiler. Vielleicht probieren Sie’s doch mal da …“ Damit macht sich ein solcher Arzt oder eine solche Ärztin nach Ansicht der Skeptiker der Beihilfe zur Scharlatanerie schuldig. Man kann es aber auch anders sehen: Wenn er oder sie es beim Achselzucken belässt, aber weiß, dass viele bei einem solchen „Wunderheiler“ Hilfe gefunden haben (und sei es nur über den vielgescholtenen Placeboeffekt), dann machen sie sich der unterlassen Hilfeleistung schuldig.

Kurz: Eine Medizin, die auf Alternativen verzichtet, ist keine gute Medizin. Wie man die Alternativen einschätzt und bewertet, ist eine andere Sache. Aber eine alternativlose Medizin ist kein Fort- sondern ein Rückschritt. Ersparen wir uns einen solchen.     

Corona (leider) first

Leider bestimmt momentan ein einziges Thema die Diskussion. Deshalb wird sich auch der erste Eintrag auf diesem Blog mit Corona beschäftigen (müssen …):

Vertrauen und Widerstand – Humanitätsrelevanz in Zeiten der Coronakrise

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Dieses Virus hat das Potenzial, unsere Welt auf den Kopf zu stellen. Und das hat es ja inzwischen auch gründlich getan. Aber nicht aus eigenem Antrieb. SARS-CoV-2 besitzt „nur“ die Fähigkeit, sich auf der ganzen Welt auszubreiten, viele Menschen krank zu machen und einige der Infizierten zu töten. Wenn die Welt jetzt Kopf steht – von Australien bis Kanada, von Brasilien bis Japan, dann aufgrund unserer Reaktionen auf das Virus. Die weltweite Coronakrise hat nicht das Virus selbst ausgelöst, das waren wir mit unseren Abwehrmaßnahmen. Der weltumspannende Lockdown ist menschengemacht. Wir hätten das Virus auch ignorieren können (etwa nach dem Beispiel Weißrusslands) oder auf Herdenimmunität setzen (wie es Schweden versuchte). Die weit überwiegende Zahl der fast 200 von COVID-19 betroffenen Länder hat anders gehandelt. Sie haben das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben rigoros zurückgefahren. Inzwischen wird heftig diskutiert, wie sinnvoll ein solches Vorgehen ist – und die Diskussion wird noch an Heftigkeit zunehmen, wenn die Pandemie vorüber ist und man genau erkennen kann, in welchem Zustand sich die Welt dann befindet.

Man kann sagen: Die Menschheit stellt das Leben und die Gesundheit über alles, und ist dafür scheinbar bereit, eine insgesamt recht florierende Weltwirtschaft ins Chaos zu stürzen, im Vertrauen darauf: „Wiederaufbau? Wir schaffen das!“ Manche halten das für Wahnsinn. Kapitalismusfetischisten wie Trump oder Bolsonaro etwa. Doch ihr „economy first“ ist plötzlich eine Minderheitenmeinung. So ziemlich alle sind sich nun einig, dass Gesundheit und Menschenleben vor dem Geld zu stehen haben. Hätte jemand zu Jahresbeginn gedacht, dass es innerhalb kürzester Zeit eine solche Verschiebung der Prioritäten geben wird – und das weltweit? Eigentlich sollte man die momentane Entwicklung dafür dankbar bejubeln. Doch von Jubel ist nichts zu sehen und nichts zu hören. Im Gegenteil: Es ist zunehmend von Widerstand und gar Aufstand die Rede. Niemand ist für neue Einsichten dankbar. Alle haben Angst. Wenn nicht vor dem Virus, dann vor dem Gespenst des totalitären Polizeistaats.

Ist ein Staatsstreich im Gange?

Man muss nicht Trump oder Bolsonaro heißen, um den globalen Lockdown-Szenarien während dieser Pandemie kritisch bis ablehnend gegenüberzustehen. Es genügt, ein wacher Bürger und eine kritische Bürgerin zu sein, um zu erkennen, dass die eingeleiteten Maßnahmen teilweise gravierend in die Freiheitsrechte eingreifen. Das ruft inzwischen immer mehr mahnende Stimmen auf den Plan, die hier eine ernste Gefahr für die Demokratie sehen. Sie glauben, der Staat gehe zu weit und müsse in seine Schranken gewiesen werden. Einige scheinen es ganz genau zu wissen: Das neuartige Corona-Virus sei eigentlich harmlos, nicht gefährlicher als eine gewöhnliche Grippe. Die Corona-Pandemie sei inszeniert. Sie soll zu einem Staatsstreich führen, an dessen Ende eine Diktatur stehe. Manche sehen uns schon vor einer Art Machtergreifung wie während der Nazi-Herrschaft. Sie sehen ein neues Drittes Reich im Entstehen und rufen alle besorgten Bürger dazu auf, dagegen Widerstand zu leisten. Was ist davon zu halten? Ist der Staatsstreich schon voll im Gange, und wachen wir demnächst in einem totalitären und faschistischen Polizeistaat auf?

Nein, das glaube ich nicht. Der Widerstand, der sich nun allerorten formiert, hat das falsche Ziel ins Visier genommen. Der prophezeite Unrechtsstaat, der just jetzt während der Coronakrise etabliert werden soll, ist ein Phantom. Nur wenige Demokratien sind so gefestigt wie Deutschland. Die Gewaltenteilung funktioniert. Die Gerichte weisen die Politik gerade jetzt bei den Grundrechtseinschränkungen immer deutlicher in die Schranken. Da sieht es bei manchen unserer Nachbarn ganz anders aus: Polen hat seine Gerichte gleichgeschaltet und in Ungarn hat Viktor Orbán die Arbeit des Parlaments für unbestimmte Zeit außer Kraft gesetzt. Das heißt nicht, dass bei uns alles gut ist. Bei weitem nicht. Kritik und Widerstand sind wichtig. Aber sie sollten auf das zielen, was tatsächlich eine unkontrollierbare Bedrohung ist. Merkel, Spahn und Söder werden von etwas ganz anderem getrieben als von der Machtgier, sich ihre persönliche Diktatur zu etablieren. Wenn man etwas intensiver über das Thema Corona nachdenkt, erkennt man auch, was das ist.    

Seuchen als kollektives Menschheits-Trauma

Warum verhalten sich während dieser Pandemie an die 200 betroffene Staaten fast einheitlich und fahren ihr gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben bis über die Schmerzgrenze hinaus herunter? Wollen sie alle einen totalitären Staat errichten und die Demokratie abschaffen? Oder agieren sie nach dem Motto: Gesundheit und Leben gehen uneingeschränkt vor? Es mag für einige zwar naiv klingen, aber für mich ist Letzteres eindeutig plausibler. Für diese Ansicht gibt es meines Erachtens gute Gründe. Seuchen haben im Laufe der Geschichte Millionen von Menschen dahingerafft. Bisweilen haben sie apokalyptische Formen angenommen. Wohl wenige Ereignisse mit einem derartigen Gefahrenpotenzial für das Leben eines jeden einzelnen Menschen haben sich so tief in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingeprägt wie die Seuchen. Seuchen zeigen dem Menschen seine Machtlosigkeit schonungslos auf: Der Tod kann wie ein Tsunami über ganze Länder kommen. Pandemien und Machtlosigkeit gehören zusammen. Hätten wir Macht über ein Virus, könnte es nicht zur Seuche werden. Und in dieser Situation der Machtlosigkeit befinden wir uns in der jetzigen Corona-Pandemie genauso wie zu Zeiten der Pest im Mittelalter. Wir wissen zwar heute sehr viel mehr um die Zusammenhänge, es fehlt uns aber an den zentralen Schutzmechanismen: Wir haben keinen Impfstoff und wir haben keine spezifisch wirksamen Medikamente. Es bleibt uns daher nichts anderes, als das, was die Menschen während früherer Seuchen auch taten: dem Virus so gut es geht auszuweichen.

„Wohl wenige Ereignisse mit einem derartigen Gefahrenpotenzial für das Leben eines jeden einzelnen Menschen haben sich so tief in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingeprägt wie die Seuchen.“

Diese Zusammenhänge werden von den heutigen „Faschismus-ante-portas-Rufern“ oft übersehen. Ich will mich an dem Streit gar nicht beteiligen, welche Wissenschaftler nun wirklich recht haben, ob die Drosten-Fraktion oder die Wodrag-Fraktion. Alle präsentieren sie uns ihre Erkenntnisse doch so, dass wir Laien letztlich sagen müssen: Ja, recht hat er. Stimmt, was sie sagt. Und wenn wir das dann in digitalen Endlosschleifen tagtäglich mit passendem Update versehen serviert bekommen, glauben wir eben denen, die uns mehr überzeugen. Ob die, die uns überzeugen, aber auch richtig liegen, können wir gar nicht wissen. Aber wir glauben es zumindest. Das ist ja auch schon was.

Es ist eine allgemein menschliche Erfahrung, dass wir alle lieber jenen Glauben schenken, die unsere eigene Meinung bestärken. Wir lieben unsere Filterblasen über alles, weil sie uns Sicherheit geben. Wir alle leben in unseren Echokammern, auch jene, die alles für richtig halten, was eine besorgte Frau Merkel und ein beherzter Herr Söder tun, und die in der Bundeskanzlerin die große beschützende Mutter und im bayerischen Ministerpräsidenten den neuen St. Georg sehen, der den Corona-Drachen zur Strecke bringt.

Freiheit, Freiheit über alles?

Die Maßnahmen schränken wichtige Grundrechte ein oder setzen sie sogar zeitweise außer Kraft. Weltweit ist das so. In manchen europäischen Nachbarländern sind die Eingriffe noch viel einschneidender als in Deutschland. Den Wenigsten scheint bewusst zu sein: Die Einschränkungen der Grundrechte haben ihren Ursprung in ihnen selbst. Grundrechte sind keinesfalls absolut, sie dürfen eingeschränkt werden – müssen es sogar in Fällen, in denen sonst dem Staat und seinen Bürgern eine Gefahr droht, die ohne eine solche Einschränkung nicht abgewehrt werden kann. Dies ergibt sich aus der UN-Menschenrechtscharta von 1948. Das bedeutet auch, dass es ethisch geboten ist, dass Menschen zeitweise auf bestimmte Grundrechte verzichten, wenn dies dem Schutz der Gemeinschaft oder dem besonders Gefährdeter dient. So gesehen kann die Einschränkung von Grundrechten auch als humanitärer Akt verstanden werden: Man verzichtet auf eigene Rechte, um damit andere schützen zu können.

„Grundrechte sind keinesfalls absolut, sie dürfen eingeschränkt werden – müssen es sogar in Fällen, in denen sonst dem Staat und seinen Bürgern eine Gefahr droht, die ohne eine solche Einschränkung nicht abgewehrt werden kann. Dies ergibt sich aus der UN-Menschenrechtscharta von 1948.“

Man muss aber sehr wachsam sein: Bei so gravierenden Eingriffen in die Grundrechte, wie wir sie in der Corona-Pandemie erleben, muss die Verhältnismäßigkeit gegeben sein. Darüber lässt sich nun diskutieren – und darüber sollte auch gestritten werden. Es muss klar erkennbar sein, dass die Verhältnismäßigkeit regelmäßig und unabhängig überprüft wird und die Regierung das klare Ziel hat, die Einschränkungen, sobald es die Lage zulässt, wieder aufzuheben. Eine Diskussion um die Rechtmäßigkeit der Maßnahmen muss geführt werden und darf nicht unterdrückt werden. Alles andere wäre ein Zeichen von Staatshörigkeit. Richtig ist auch, dass in der Krisenbewältigung von staatlicher Seite nicht alles zum Besten gelaufen ist. Gerade bei der Abwägung der Verhältnismäßigkeit der Mittel und Maßnahmen. Gewiss auch nicht beim Umgang mit Zahlen und Daten. Möglicherweise werden sich Virologen, Epidemiologen und Politiker sehr unangenehme Fragen stellen müssen, wenn man einmal absehen kann, wie gravierend die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kollateralschäden der Pandemie wirklich sind. Das Gleiche gilt für die Medien, die während dieser Krise den Vorwurf der „Lügenpresse“ nicht im Geringsten entkräften konnten – eher im Gegenteil. Es müssen ganz grundsätzliche Fragen gestellt werden zum Gesundheitswesen und allen, die an diesem verdienen oder nach der Krise Einfluss auf es gewinnen wollen. Es müssen Fragen gestellt werden zum Umgang der Medizin mit dem Thema Krankheit. Die Frage muss geklärt werden, welche Medizin wir in Zukunft wollen und was für den erkrankten Menschen als ganzheitliches Wesen tatsächlich gut und richtig ist.  All das muss angesprochen und aufgeklärt werden. Aber erst dann, wenn wirklich alle Fakten auf dem Tisch liegen. Und das tun sie heute noch lange nicht. Ich kann mir gut vorstellen, dass man dann den Wodrags, Schiffmanns und Bhakdis in Manchem recht geben muss. Vielleicht erkennt man dann aber auch, dass es um ein Vielfaches schlimmer geworden wäre, hätte man auf sie gehört. Ich habe keine Glaskugel, um zu sehen, wie die Welt im Frühjahr 2021 aussehen wird. Deshalb beteilige ich mich auch nicht an dieser Diskussion. Von entscheidender Bedeutung aber ist: Die Diskussion um das Für und Wider der Corona-Schutzmaßnahmen sollte auf Basis einer nüchternen Wachsamkeit geführt werden.

Von wo die wahre Bedrohung kommt

Sind die gewiss tiefgreifenden Maßnahmen zum Eindämmen der Pandemie also tatsächlich eine gezielt gesteuerte Panikmache, um uns in eine Diktatur zu führen? Wenn es eine Panikmache ist, dann ist sie aus einer irrationalen Angst vor dem schwarzen Tod heraus entstanden, einer Ur-Angst, die noch tief in unser aller Psyche steckt, auch in der von Virologen und Politikern. Und dann sind auch diese nicht vor irrationalem Handeln gefeit. 

Unsere Politiker werden nicht von Machtgeilheit zerfleischt. Da gibt es andere, denen man so etwas eher zutrauen sollte. Diese wohnen nicht im Bundestag oder im Kanzleramt. Sie leben in Amerika. Sie haben uns unsere Freiheit schon längt genommen und durch von ihnen geschaffene Pseudo-Freiheiten ersetzt. Ich meine die riesigen Digitalimperien, die, kaum ein paar Jahrzehnte alt, bereits die ganze Welt beherrschen. Im Gegensatz zu den Freiheiten, die wir (meist freiwillig) an diese schon abgetreten haben, erscheinen die Corona-Einschränkungen fast wie Peanuts. Wir alle sind inzwischen von ihnen abhängig und haben keine Chance, diesen Fesseln zu entrinnen. Wenn diesen Text als Video ins Netz hochlade (Link unten), unterwerfe ich mich zwangsweise diesen Fesseln. Die Büchse der Pandora ist geöffnet, und niemand hat die Macht, die Geister mehr zu bannen.

Unsere Abhängigkeit vom Internet hat fast schon pseudo-religiöse Züge angenommen. Unser Morgengebet ist das Lesen des Morgen-Briefings auf Spiegel-Online und unser Gute-Nacht-Gebet das letzte Checken des WhatsApp-Acounts. Das Gebetsbuch ist unser Smartphone oder unser Tablet. Der Himmel unseres Gottes heißt Silicon Valley. Und dort wohnt ein wahrhaft dreifaltiger Gott: Gott Google, Gott Facebook und Gott Apple. Um seinen Thron steht die ganze Heerschaar der Erzengel: Gates Microsoft, Musk Tesla, Bezos Amazon und wie sie alle heißen. Aber so viele sind es gar nicht. Macht und Menge müssen nicht voneinander abhängig sein.

Seit es das Internet gibt, gibt es zwei Klassen: Jene, die das Netz beherrschen, und jene, die das Netz beherrscht. Auf der einen Seite gibt es nur ein paar Handvoll Menschen, aber mit viel, viel Macht und mit viel, viel Geld. Auf der anderen Seite stehen die 99,99 Prozent der übrigen Menschen. Sie können von den Wenigen beherrscht werden, weil sie von diesen das Gefühl bekommen, frei und mächtig zu sein. Zu ihnen gehören Angela Merkel und die Putzfrau bei Lidl, Donald Trump und die pubertierende YouTuberin mit ihren nervenden Videos, zu ihnen gehören der Papst und der freischaffende Musiker, die Verfassungsrichterin und der Installateur, der gerade eine neue Wasserleitung verlegt, kurz: zu ihnen gehören du und ich. In der Welt der globalen digitalen Vernetzung sind wir keine freien Menschen mehr. Das Tragische dabei ist: Wir meinen das aber, weil man es uns suggeriert.

„Unsere Abhängigkeit vom Internet hat fast schon pseudo-religiöse Züge angenommen. Unser Morgengebet ist das Lesen des Morgen-Briefings auf Spiegel-Online und unser Gute-Nacht-Gebet das letzte Checken des WhatsApp-Acounts. Das Gebetsbuch ist unser Smartphone oder unser Tablet.“

Inzwischen wissen wir, wer von der Coronakrise am meisten profitiert hat: eben diese Digitalimperien aus dem schönen Kalifornien. Bei allen ist der Umsatz deutlich gestiegen. Aber das ist gar nicht das Entscheidende. Macht geht vor Geld. Durch die Coronakrise haben wir alle gelernt: analog ist out, ohne digital geht nichts. Die Nutzung des Internets ist während der Krise rasant gestiegen. Und so wird es auch danach bleiben. Überall hört man nur das Lob der neuen Digitalität, im Beruflichen wie im Privaten: Warum müssen wir heute denn zur Oma fahren? Sie kann doch jetzt Skype. Widerstand? Wie denn? Wie leicht lässt sich für den Schutz des Grundgesetzes ein Pappschild beschriften und für ein, zwei Stunden durch die abstandhaltende Menge tragen. Wer aber widersetzt sich dem Setzen des obligatorischen Häkchens, wenn es auf dem Display oder Monitor heißt: „Zur Nutzung des Programms müssen Sie die Lizenzvereinbarung akzeptieren“?

Widerstand und Humanitätsrelevanz

Wir alle haben seit kurzem einen neuen Begriff in unserem Wortschatz: systemrelevant. Als systemrelevant gelten all jene Berufe, die die Grundpfeiler unserer Gesellschaft aufrechterhalten: von der Pflegerin bis zur Verkäuferin, vom Arzt bis zum LKW-Fahrer. Sie braucht es, wenn das System funktionieren soll. Ohne Zweifel: Die Coronakrise bedroht unser System. Aber noch etwas anderem droht Gefahr: dem Humanen in uns, der Fähigkeit, aus humanitärem Empfinden und daraus abgeleiteten Werten zu handeln.

„Abstraktes lässt sich digitalisieren, Humanes nicht. Menschenliebe, Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Solidarität, Würde, Mitgefühl, Liebe – all das entzieht sich einer Verdigitalisierung.“

Nach der Coronakrise wird das Digitale unser Leben immer mehr bestimmen. Das muss nicht grundsätzlich schlecht sein. Es bringt gewisse Vorteile mit sich, hat aber auch Nachteile. Und diese Nachteile können tiefgreifende Wirkungen haben, wenn Digitales in Bereiche vordringt, wo es nichts zu suchen hat und wo es Dinge verdrängt, die wir unter dem Begriff des Humanen zusammenfassen. Wenn es um Humanes geht, spielt das Zwischenmenschliche eine entscheidende Rolle. Ohne, dass es zwischen Menschen eine direkte Beziehung gibt, ist Humanität nur eine abstrakte Floskel. Abstraktes lässt sich digitalisieren, Humanes nicht. Menschenliebe, Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Solidarität, Würde, Mitgefühl, Liebe – all das entzieht sich einer Verdigitalisierung. Dennoch wird von den Protagonisten der schönen, neuen Digitalwelt versucht, auch hier Fuß zu fassen: Corona hat doch gezeigt, dass Vieles auch anders geht – eben digital.

Sollten wir nicht in erster Linie hier an Widerstand denken? Aber wie machen wir das? Sind wir nicht auch hier schon Gefangene, die nicht anders können, als im vorgegebenen Gleis zu fahren? Nein, das sind wir nicht –  noch nicht, solange wir gegen den digitalen Zugriff auf das Humane in uns sozusagen eine Firewall aufbauen. Machen wir einfach das Spiel nicht mit, auch wenn man uns einredet, das sei alles zu unserem Nutzen und quasi alternativlos. Hier reichen keine Schilder, die man mal eben hochhalten kann. Hier muss man sich verweigern.

Systeme sind für unser Leben von großer Bedeutung, seien sie in der Gesellschaft, der Wirtschaft oder im Gesundheitswesen. Noch über diesen Systemen steht aber die Humanität. Humanität ist die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben. Wenn wir das, was Systeme aufrechterhält, heute als relevant bezeichnen, dann muss es auch etwas geben was für Humanität relevant ist.

  • Sich in andere hineinversetzen können ist humanitätsrelevant.
  • Anderen zuhören können ist humanitätsrelevant.
  • Verzeihen können ist humanitätsrelevant.
  • Eigene Ansprüche zurückstellen können ist humanitätsrelevant.
  • Sich bedingungslos lieben können ist humanitätsrelevant.
  • Anderen ihre persönlichen Überzeugungen zugestehen können ist humanitätsrelevant.
  • Kultiviert diskutieren und streiten können ist humanitätsrelevant.

Widerstand ist überall dort notwendig, wo man versucht, hier zu relativieren und die Probleme, die es im Humanen gibt, auf digitale Weise und mit Hilfe von künstlicher Intelligenz lösen will. Humanitätsrelevantes muss human, also menschlich bleiben. Gerade in Bereichen, wo das Zwischenmenschliche unabdingbar ist (sei es in Erziehung, Bildung, Pflege), darf es keine Kompromisse geben. Und vor allem nicht in der Medizin. Denn der Mensch ist des Menschen beste Medizin, und keine von irgendjemandem kontrollierte Gesundheits-App.  

Wenn wir dem Humanitätsrelevanten in uns und in unserer Gesellschaft jetzt ganz bewusst den Raum geben, den es immer mehr zu verlieren droht, dann arbeiten wir alle gemeinsam daran, dass diese Krise ein gutes Ende nehmen kann. 

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https://www.youtube.com/watch?v=R9dlb3C3keE