Du sollst keine anderen Wissenschaften neben mir haben

Wird der Radikal-Szientismus zur Religion der Post-Covid-Ära?

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Virologe Christian Drosten war begeistert und verlinkte den Beitrag in den sozialen Netzwerken. Auch Karl Lauterbach äußerte sich zustimmend. Die ZEIT hatte wieder einmal einen „richtig guten“ Beitrag veröffentlicht. Dieser stammte von Gastautor Ralf Bönt, und er war mit dem imperativen Titel: „Die Wahrheit ist nicht relativ“ überschrieben. Im Text ging es um die Wissenschaft und ihre Feinde. Und die Macht, die eindeutig auf Seiten ersterer zu sein habe: Wissen ist Macht. Und Macht müsse im Gefahrenfall dafür eingesetzt werden, Feinde in ihre Schranken zu weisen. Das ist jetzt natürlich sehr verkürzt wiedergegeben, was Ralf Bönt in seinem Aufsatz sagte. Aus einer Metaebene betrachtet könnte man sagen: Der Autor verfasste ein Loblied auf die Wissenschaft mit dezidierter Betonung auf die Wissenschaft. Denn seiner Meinung nach gebe es nur eine einzige Wissenschaft. Das sei die Naturwissenschaft. Sie sei die einzig verlässliche Grundlage jeder Welterkenntnis. Andere Wissenschaften hätten nur dann ein Recht beachtet und gehört zu werden, wenn sie sich dem Primat der Naturwissenschaften unterordnen. Täten sie es nicht, müssten sie sich den Vorwurf der Wissenschaftsfeindlichkeit gefallen lassen. Und Feinden müsse man sich entgegenstellen und sie letztlich besiegen. Mit Macht. Bönt  führt dabei den Schöpfer des Wissen-ist-Macht-Imperativs Francis Bacon an: „Man besiegt die Natur, indem man ihren Gesetzen gehorcht.“

Wenn im Streit um die Wissenschaften mit Begriffen wie Gesetz und Wahrheit der Naturwissenschaft argumentativ Beistand geleistet wird, sollte man hellhörig werden.

„Indem man auf die Gesetze horcht“ bedeutet für Bönt, die Naturgesetze als letzte Wahrheit kompromisslos anzuerkennen. Für ihn sind sie nicht zu diskutierende Grundlage einer „Lehre von der Wahrheit“, wie er es formuliert. Da Wahrheit nicht relativ sei, könne es auch keine zwei Wahrheiten geben. Daraus zieht Bönt  den Schluss: Es gibt nur eine Wissenschaft. Und das ist die Naturwissenschaft. Dem könnte man zustimmen, würden die Naturgesetze tatsächlich letztgültige Wahrheiten abbilden. Dem ist aber nicht so, wie jeder Wissenschaftstheoretiker weiß. Naturgesetze gelten zwar universell, aber nur unter bestimmten Bedingungen. Bönt  aber ist es wichtig, die Verknüpfung von Gesetz und Wahrheit zu postulieren. Wenn im Streit um die Wissenschaften mit Begriffen wie Gesetz und Wahrheit der Naturwissenschaft argumentativ Beistand geleistet wird, sollte man jedoch hellhörig werden.

Gesetze und Wahrheiten gehören weniger in den Bereich der Wissenschaften als in jenen des Religiösen, speziell der abrahamitisch-monotheistischen Religionen. Damit sollen physikalische Gesetze nicht relativiert werden. Sie gelten selbstverständlich – in jenem Teil der Wirklichkeit, für den die Physik zuständig ist. Indem Ralf Bönt  in seinem Artikel allerdings großen Wert auf Naturgesetze und Wahrheiten legt, um die Deutungshoheit der Naturwissenschaft im Diskurs zu verdeutlichen, verlässt er den rein wissenschaftlichen Boden und taumelt unversehens in Richtung des verminte Feldes des Ideologischen. Sicher, für seine Sicht der Dinge gibt es in der Wissenschaftstheorie eine Grundlage, den Szientismus. Dieser aber ist in seiner radikalen Ausprägung nichts weiter als eine in Wissenschaftlichkeit gehüllte Ideologie, eine rationalistische Pseudo-Religion mit dogmatischem Unterbau.

Der Radikal-Szientismus verengt den Begriff Wissenschaft ausschließlich auf die Naturwissenschaft und behauptet, andere Wissenschaften wären dieser untergeordnet. Letztlich hätten diese nur eine Existenzberechtigung, wenn sie sich in das von der Naturwissenschaft vorgegebene Koordinatensystem eingliedern würden.

Szientismus besagt, dass man die Wirklichkeit nur mit wissenschaftlichen Methoden erfassen kann. Was sich nicht mit Mitteln der Wissenschaft erklären lässt, ist für Szientisten (Selbst)Täuschung oder es existiert schlicht nicht. Nun ist diese Ansicht an sich nicht grundsätzlich zu kritisieren, wenn man die Definition von Wissenschaft in einem universellen Licht betrachtet. Der Radikal-Szientismus verengt den Begriff Wissenschaft jedoch ausschließlich auf die Naturwissenschaft und behauptet, andere Wissenschaften wären dieser untergeordnet. Letztlich hätten diese nur eine Existenzberechtigung, wenn sie sich in das von der Naturwissenschaft vorgegebene Koordinatensystem eingliedern würden. In der aktuellen Corona-Debatte stößt sich Bönt vor allem an Vertretern und Vertreterinnen der Geisteswissenschaften, wenn sie sich hier zu Wort melden. Er nennt sie unumwunden spöttisch „Großdenker anderer Disziplinen“ und meint vor allem Philosophen und Historiker. Diese sind natürlich keine Experten für Virologie oder Epidemiologie, sollten sich aber durchaus zu Wort melden dürfen. Schließlich ist die Corona-Krise kein isoliert virologisches Geschehen. Das scheint Bönt anders zu sehen und sähe es lieber, solche Leute hielten den Mund und ließen nur Experten der Fachgebiete reden. Sie hätten die Fakten und damit die Wahrheit in Sachen Corona.  

Nun ist ein wichtiges Kennzeichen aller Wissenschaftlichkeit, dass sie das Erkannte grundsätzlich als vorläufig ansieht. Somit gehört zu ihr das Wesensmerkmal, sich irren zu können, falsch zu liegen und sich korrigieren zu müssen. Das gilt aber nicht nur für das durch wissenschaftliche Methoden Erkannte, es gilt auch für die wissenschaftlichen Methoden des Erkenntnisgewinns selbst. Diesen Aspekt aber lehnt der Radikal-Szientismus ab. Für ihn ist die Herrschaft der Naturwissenschaft auch in diesem Bereich nicht verhandelbar: Nur Naturwissenschaft bietet die Möglichkeit, verlässliches Wissen zu generieren, so das Credo. Da diese Auffassung im Radikal-Szientismus dogmatischen Charakter hat (man sich hierin per se also nicht irren kann), stehen Radikal-Szientisten im Grunde genommen außerhalb der Wissenschaft, während sie sich gleichzeitig als die wahren Hüter der Wissenschaft bezeichnen.

Der Radikal-Szientismus sieht sich als eine reine Lehre auf Basis physikalistischer, reduktionistischer und naturalistischer Prämissen, die es gegen irrationale Einflüsse jeder Art zu verteidigen gelte.

Sicher: Der Schriftsteller und Physiker Ralf Bönt eignet sich nicht unbedingt als Gallionsfigur für radikal-szientistische Kreuzzüge. Zwar plädiert er für die Vorherrschaft des rationalen Denkens über das religiöse Glauben in mythischen Ebenen – zumindest wenn es um Welterkenntnis geht. Aber er möchte sich an keinen Glaubenskriegen beteiligen und bekennt sich zu einer friedlichen Koexistenz. Auch mahnt er, nicht leichtfertig in atheistische Reflexe zu verfallen und Religion mit Kirche gleichzusetzen. Vielleicht sieht er es als erstrebenswert an (so zumindest die Vermutung), dass sich das Religiöse transformiert, indem es sich zurücknimmt im Anspruch, die Welt vom Mikroskopischen bis zum Makroskopischen und vom Geistigen bis zum Materiellen vollständig erklären zu wollen. Was man aber hier vom Religiösen verlangt, muss man zwangsläufig auch vom Rationalen verlangen, sonst wird Wissenschaft zum bloßen Religionsersatz. Der Radikal-Szientismus sieht sich als eine reine Lehre auf Basis physikalistischer, reduktionistischer und naturalistischer Prämissen, die es gegen irrationale Einflüsse jeder Art zu verteidigen gelte. Damit ist er nicht weit weg vom „Extra ecclesiam nulla salus“ (Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil) der römischen Machtkirche und dem „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ des mosaischen Gesetzes. Doch was hat das mit der Corona-Pandemie zu tun?

Die Corona-Pandemie wird gravierende Folgen haben, nicht nur was die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kollateralschäden angeht. Sie wird auch Folgen für unser Weltverständnis, unser Natur- und Menschenbild haben. Hauptgrund dafür wird die rasante Entwicklung in biotechnologischen Bereichen sein, die sich schon während der Pandemie wahrnehmen lässt. Ralf Bönt hat das in seinem Artikel gut erkannt: Gentechnik, Digitalisierung, künstliche Intelligenz etc. dürften eine „große Revolution“ ankündigen, die alle Reste eines überkommenen postmodernen Relativismus über Bord werfen wird. „Wissenschaftsfeinde“ werden im öffentlichen und politischen Diskurs kein Recht mehr einfordern können, gehört zu werden. Bönt zieht den Vergleich zur Spanischen Grippe, nach der sich Vieles grundlegend änderte: „Eine beinahe ungezügelte Erneuerung in Wissenschaft, Kunst und Politik folgte“. Die Frage, die sich manche in Anbetracht dessen nun aber stellen, ist die, wie eine Erneuerung der Wissenschaft in der Post-Covid-Ära aussehen wird, wenn sie ungezügelt ablaufen wird.  

Die Corona-Krise zeigte einmal mehr, wie erfolgreich dieses Modell in der Tat ist, vor allem durch die rasante Entwicklung von Impfstoffen mittels neuester genmanipulativer Technologien. Dies wird dazu verleiten, die Vormachtstellung der Naturwissenschaft noch mehr zu festigen. Das hat dann aber auch zur Folge, dass radikal-szientistische Thesen immer hoffähiger werden.

Wir sehen derzeit einen grandiosen Siegeszug von Technologien, die erstmals in der Geschichte das Leben und den Menschen bis in die kleinsten Einheiten hinein lenken und steuern können. Am Ende dieser Entwicklung steht die Verschmelzung des Menschen mit dem Maschinellen (Transhumanismus), was schließlich zur Überwindung des Menschen durch die Maschine selbst führen soll (Posthumanismus). Das ist nur möglich auf Basis einer Ideologie, die die ganze Natur als Maschine betrachtet. In diesem Sinne ist die gegenwärtige Entwicklung ein Höhepunkt des von Descartes im 17. Jahrhundert angestoßenen und von La Mettrie ausgeformten Maschinenmodells der Natur. Dieses Welt- und Menschenbild prägt auch die moderne Wissenschaft – und das aus gutem Grund, ist es doch extrem erfolgreich. Die Frage ist nur, ob das, was sich als erfolgreich zeigt, gleichzeitig auch wahr und wirklich gut ist, und vor allem für wen. Erfolgreich ist es eigentlich nur aus Menschensicht. Denn in ihm gilt das Gebot „Human first“. Den Preis für den Erfolg zahlt für gewöhnlich die Natur.    

Aber es ist nicht zu übersehen: Die Corona-Krise zeigte einmal mehr, wie erfolgreich dieses Modell in der Tat ist, vor allem durch die rasante Entwicklung von Impfstoffen mittels neuester genmanipulativer Technologien. Dies wird dazu verleiten, die Vormachtstellung der Naturwissenschaft noch mehr zu festigen. Das hat dann aber auch zur Folge, dass radikal-szientistische Thesen immer hoffähiger werden. Man wird künftig gerne radikal-szientistisch argumentieren und aus dieser Ideologie Handlungsanweisungen ableiten. Zumal andere Wissenschaften sich wohl nicht bedingungslos der eingeforderten Hegemonie beugen werden. Womöglich droht ein „Krieg der Wissenschaften“, eine Fortführung des ewigen Streits zwischen Idealismus und Materialismus, den die Geisteswissenschaft im offenen Kampf wohl nicht gewinnen kann, da ein solcher nur über Sieg oder Niederlage zu entscheiden ist. Gibt es in diesem Diskurs aber Sieger und Verlierer, so ist niemandem geholfen.

Sollte der Radikal-Szientismus sich aber durchsetzen und mit seinem pseudo-religiösen Anspruch zur dominanten Ideologie des 21. Jahrhunderts werden, dann dürfte er wohl nicht sehr lange existieren. Wie bei Pflanzen häufig zu beobachten, kommt vor dem Tod ein letztes großes Erblühen. Warum vieles dafür spricht, erklärt wieder Francis Bacon, den Ralf Bönt als Gewährsmann anführt. Dieser spricht explizit vom Sieg über die Natur als Ziel allen menschlichen Forschens. Eine Wissenschaft, die dieses Ziel als Grundlage hat, muss scheitern. Wenn wir den Zustand des Planeten Erde betrachten, dann können wir dieses Scheitern vor unser aller Augen erkennen. Alle jetzigen und künftigen ökologischen Katastrophen sind letztlich eine Folge eines Weltbildes, das die Natur ausschließlich als zu bekämpfende Gefahr ansieht. Und selbstredend als ein Ding, das zum eigenen Wohl ausgebeutet und geplündert werden kann. Eine Wissenschaft, die in dem alttestamentarischen Paradigma des „Macht euch die Erde untertan“ gefangen ist, wird die bedrohte Erde nicht retten können. Niemand macht den Bock zum Gärtner.

Keine Frage: Vor der drohenden Apokalypse wird uns nur die Wissenschaft retten können. Eine Wissenschaft, die auf Fakten basiert, in der keine Meinungen beliebig zu Fakten konstruiert werden dürfen und die die Ratio zur Grundlage hat. Aber die auch durch eine Vielfalt der Denkgebäude geprägt sein muss, die Wahrheitsansprüche für ihre Erkenntnisse ablehnt und sich jeder ideologischen Verbiegung entgegenstellt. Wir brauchen dringend eine Wissenschaft, die Universalgelehrte wie Alexander von Humboldt hervorbringen kann, der sagte: „Die Natur muß gefühlt werden, wer nur sieht und abstrahirt … wird die Natur zu beschreiben glauben, ihr selbst aber ewig fremd sein.“ Dem Radikal-Szientismus ist dieses Fremdsein eigen, deshalb kann er keine Zukunft haben. Es sei denn, er baut sich eine eigene Natur, die von allem Lebendigen radikal befreit ist. Eines scheint sicher: Daran wird schon eifrig gearbeitet.   

Ralf Bönt: Die Wissenschaft ist nicht relativ, ZEITonline, 2. Mai 2021 https://www.zeit.de/kultur/2021-04/wissenschaft-corona-politik-massnahmen-expertise-naturwissenschaften-forschung

Corona-Infektion nach Impfung? – – – – Gut gemeint, schlecht gemacht.

Inzwischen wird in Deutschland gegen Corona geimpft. Priorität haben die Hochbetagten und das medizinische Personal, das am engsten Kontakt mit ihnen hat. Das Positive vorweg: Das von einigen extremen Impfgegnern prophezeite Massensterben ist ausgeblieben – was auch nicht wirklich verwundert. Verwundern können da viel eher Meldungen, dass in mehreren Heimen, in denen schon geimpft wurde, das Corona-Virus ausgebrochen ist und es Todesfälle gab. Da fragt man sich natürlich: Wie kann das denn sein? Nein, das sind keine Falschmeldungen oder Fakes, das ist tatsächlich vorgekommen. Und es sind sicher auch keine „bedauerlichen Einzelfälle“, wenn innerhalb nur weniger Tage solche Meldungen aus allen Teilen der Republik eintreffen [1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9] [10]. Dabei ist mitunter sogar die Rede von „massiven Ausbrüchen“ [11]. Wie kann man sich das erklären?

40 Senioren geimpft. Drei Wochen später haben sich 18 infiziert. Davon sind 11 gestorben. Bedauerlicher Zufall?

Von den Behörden gab es sogleich Entwarnung. Das könne nur zwei Gründe haben: Erstens sei der Impfschutz nach der ersten Impfung ja noch unvollständig, und zweitens könnten sich die Betroffenen schon vor der Impfung infiziert haben, schließlich gebe es eine Inkubationszeit, und diese liege in der Regel bei etwa knapp einer Woche. Beides könnte eine Erklärung für die Corona-Ausbrüche in geimpften Heimen sein. Da hätten die betroffenen Heime und ihre Bewohner halt „Pech gehabt“. [12] Belege, dass das auch die wahren Ursachen sind, gibt es natürlich nicht. Aber es gibt noch einen dritten Grund, der hinter der ganzen Sache stecken könnte. Dieser ist etwas komplex und erschließt sich nur, wenn man die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Corona und zur Impfung etwas genauer unter die Lupe nimmt.

Die über 80jährigen zuerst, so heißt die Devise. Sie sind am stärksten gefährdet, deshalb erscheint diese Priorisierung mehr als sinnvoll – wenn diese Altersgruppe damit auch gut geschützt ist. Aber ist das auch so? Scheinbar nicht. Vielmehr ist es so, dass es gerade für die Gruppe von Gefährdeten, die jetzt als erste durchgeimpft werden soll, keinen verlässlichen Wirknachweis für diese Impfung gibt. Ist das das übliche „Geschwurbel“ von Impfgegnern? Nein, das ist die Datenlage des Robert-Koch-Instituts. Wer sich die Mühe macht, sich durch das „Epidemiologische Bulletin“ des RKI vom 14.01.2021 durchzulesen, der wird auf Seite 27 im Kapitel „Wirksamkeit“ darauf hingewiesen, dass gerade zur Altersgruppe der Hochgefährdeten (im Bulletin sind das alle über 75), kaum zuverlässige Daten vorliegen, weil in den Impfstudien diese Gruppe weit unterrepräsentiert war – was heißt, dass aus dieser Gruppe viel zu wenige Probanden teilgenommen hatten, als dass man daraus verlässliche Schlüsse hätte ziehen können. Im Originalton RKI heißt das dann: „Auch in der altersstratifizierten Analyse zeigten sich vergleichbar hohe Effektivitätsschätzer, die allerdings bei kleiner werdenden Altersgruppen bzw. Fallzahlen teilweise weite Konfidenzintervalle aufwiesen bzw. nicht mehr statistisch signifikant waren. In der höchsten Altersgruppe (≥75 Jahre) ist daher eine Aussage über die Effektivität der Impfung mit hoher Unsicherheit behaftet.“ [13] Für die über 75jährigen kann das RKI also keine verlässliche Aussage darüber machen, ob und wenn ja, wie effektiv die neuen Impfstoffe wirksam sind.

Das liefert nun eine weitere Erklärungsmöglichkeit, weshalb es zu Infektionen bei schon geimpften alten Menschen gekommen ist: Es ist zumindest nicht auszuschließen, dass die Impfung bei ihnen gar nicht angeschlagen hat. Erklärt das aber die bisweilen heftigen Ausbrüche der Infektion kurz nach der Impfung? War die Impfung daran doch irgendwie beteiligt, auch wenn die Behörden das verneinen?

Es ist allgemein bekannt und unstrittig, dass eine Impfung das Immunsystem des Organismus reizt, was ja auch die üblichen Reaktionen wie Rötung, Schmerz, Fieber, Abgeschlagenheit etc. erklärt. Bei Gesunden gelten diese Reaktionen als harmlos, schließlich flauen sie meist nach wenigen Tagen wieder ab. Wie sieht es aber bei der Gruppe der über 80jährigen aus, die nun durchgeimpft wird? Die Studien geben keinen Hinweis, dass diese Menschen heftiger auf die Coronaimpfung reagieren als Jüngere. Aber was können Studien aussagen, bei denen nur sehr wenige aus dieser Altersgruppe beteiligt waren? Erfahrungen aus Norwegen haben aufhorchen lassen: Dort hat man festgestellt, dass die Impfung bei alten und schwer kranken Menschen häufiger starke Nebenwirkungen auslösten, die teilweise auch zum Tode führten. Daraufhin hat die norwegische Gesundheitsbehörde ihre Impfempfehlung entsprechend angepasst. [14]  Aber auch das liefert noch keine Erklärung, weshalb es nach Impfungen scheinbar vermehrt zu Infektionen kommen kann. Eine Vermutung gibt es – auch wenn es bis jetzt nur eine bloße (aber dennoch plausible) Vermutung ist:

Man weiß, dass es nach einer Impfung zu einer sogenannten Immunsuppression kommen kann, d.h. einer Schwächung des körpereigenen Abwehrsystems. Diese ist meist nur von kurzer Dauer und wird von einer Immunstimulation abgelöst. Der ganze Prozess ist allerdings recht komplex und nicht unbedingt harmlos: „Bei jeder Auseinandersetzung des Immunsystems mit Impfstoffen kommt es in unterschiedlichem Maße zur Freisetzung entzündlicher Mediatorsubstanzen. Histamin und Prostaglandine können über eine T-Zell-Funktionshemmung die zelluläre Abwehr beeinträchtigen. Auch Immunkomplexe, die sich nach Impfung bilden, können zu einer Hemmung der zellulären Abwehrfunktion, überwiegend des T-Zell-Systems, führen …“ [15]. Dies führt zu folgender Überlegung und (vorsichtiger) Fragestellung: Könnte bei alten und geschwächten Menschen die durch die Impfung ausgelöste Schwächung des Immunsystems nicht erst Tür und Tor öffnen für eine Infektion mit SARS-Cov-2 mit schwerem Verlauf? Eigentlich steht diese Frage nun offen im Raum – wenn man sie denn zulässt …

Fazit: Wenn es nun immer mehr Meldungen über COVID-19-Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen gibt, in denen schon geimpft wurde, dann kann es nach derzeitigem Stand mehrere mögliche Gründe dafür geben. Drei davon sind:

1. Die Betroffenen waren schon vor der Impfung infiziert und die Impfung kam zu spät.

2. Die Betroffenen haben sich nach der Impfung infiziert und der Immunschutz war noch nicht ausreichend aufgebaut.

3. Die Betroffenen zeigten nach der Impfung eine durch die Impfung ausgelöste Immunsuppression, was sie empfänglicher für das Virus machte und möglicherweise einen schweren Verlauf auslöste.

Für die Gesundheitsbehörden gibt es die dritte Möglichkeit scheinbar nicht, da in allen bisherigen Fällen verlautbart wurde, dass ein Zusammenhang mit der Impfung klar auszuschließen sei. Demnach handele es sich ausschließlich um tragische Zufälle. Wie plausibel diese Erklärung ist, bleibt dahingestellt. Es scheint geboten, der Sache nachzugehen. Wenn sich dabei herausstellen sollte, dass die Impfung zumindest ein Teil Mitschuld an diesen Krankheitsausbrüchen hat, dann spräche dies nicht gegen die Impfung per se, wohl aber gegen die gewählte Impfstrategie. Das wäre für die Gesundheitspolitiker der Super-GAU. Und vor allem eine Blamage für deren Pandemie-Experten.     

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[1] Vor Corona-Impfung schon infiziert?, Südkurier, 22.01.2021 https://www.suedkurier.de/region/bodenseekreis/bodenseekreis/nach-der-ersten-corona-impfung-elf-todesfaelle-und-sieben-akute-infektionen-im-pflegeheim-in-uhldingen-muehlhofen;art410936,10717656

[2] Corona-Ausbruch in Pflegeheim in Itzstedt, NDR, 18.01.2021 https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/coronavirus/Nach-Impfungen-Corona-Ausbruch-in-Pflegeheim-in-Itzstedt,pflegeheim352.html

[3] Trotz Impfung: Corona-Ausbruch in Gröditzer Pflegeheim, MDR, 21.01.2021 https://www.mdr.de/sachsen/dresden/meissen/corona-infektionen-pflegeheim-groeditz-trotz-impfung-100.html

[4] Corona-Ausbruch in Pflegeheim nach erstem Impfdurchgang, Südthüringen.de, 21.01.2021 https://www.insuedthueringen.de/inhalt.thueringen-corona-ausbruch-in-pflegeheim-nach-erstem-impfdurchgang.76e83a4b-9366-4273-9b0f-7d11b80a8f61.html

[5] Corona-Ausbruch nach erster Impfung in limburgischen Wohn- und Pflegezentren, BRF-Nachrichten, 20.01.2021 https://brf.be/national/1451090/

[6] Kurz vor den Zweit-Impfungen: 65 Corona-Infizierte in Koblenzer Seniorenheim, SWR, 22.01.2021 https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/koblenz/corona-ausbruch-seniorenheim-koblenz-100.html

[7] „15 Minuten später tot im Bett“ – Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen: Sieben Bewohner sterben trotz Impfung – Verläufe lassen Ärzte rätseln, merkur.de, 22.01.2021 https://www.merkur.de/bayern/corona-bayern-pflegeheime-gefahr-impfung-todesfaelle-tot-statistik-inzidenzwerte-zr-90175637.html

[8] Corona-Ausbruch in Seniorenheim nur wenige Tage nach Impfung, pnp.de, 16.01.2021 https://www.pnp.de/nachrichten/bayern/Corona-Ausbruch-in-Seniorenheim-nur-wenige-Tage-nach-Impfung-3889888.html

[9] Corona-Ausbruch im Seniorenzentrum – trotz Impfung, rp-online.de, 21.01.2021 https://rp-online.de/nrw/staedte/duisburg/duisburg-corona-ausbruch-im-seniorenzentrum-trotz-impfung_aid-55818003

[10] Nach Corona-Impfung: Massenhaft positive Tests in Pflegeheimen, snanwes.de, 22.02.2021 https://snanews.de/20210122/corona-impfung-pflegeheime-615878.html

[11] Nach Erstimpfung: Massive Ausbrüche in zwei Ostholsteiner Heimen, ln-online.de, 22.01.2021 https://www.ln-online.de/Lokales/Ostholstein/Ostholstein-Grosse-Corona-Ausbrueche-in-Heimen-nach-Impfung

[12] “Das ist einfach Pech”: Corona-Ausbruch in Pflegeheim nach erstem Impfdurchgang, rnd.de, 21.01.2021 https://www.rnd.de/gesundheit/das-ist-einfach-pech-corona-ausbruch-in-pflegeheim-nach-erstem-impfdurchgang-TUYJARQ7YHYFG3IQEW6C7VFY7M.html

[13] Epidemiologisches Bulletin 2/2021, 14.01.2021, Robert-Koch-Institut https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/Ausgaben/02_21.pdf?__blob=publicationFile

[14] Tote nach Covid-19-Impfung in Norwegen: Gründliche Abwägung empfohlen https://www.heise.de/tp/features/Tote-nach-Covid-19-Impfung-in-Norwegen-Gruendliche-Abwaegung-empfohlen-5031158.html

[15] Brandis/Fanconi/Frick/Kochsiek/Riecken: Ergebnisse der Inneren Medizin und Kinderheilkunde/Advances in Internal Medicine and Pediatrics, Springer-Verlag, 2013, S. 262