Alles Blödsinn! Alles Bullshit! – Wenn Hüter der Wissenschaften medial ausflippen.

Scheinbar trauen immer weniger Menschen wissenschaftlichen Fakten. Das bringt die Vertreter des Wissenschaftsjournalismus auf die Palme. Vielleicht spüren die Leute aber instinktiv, dass man die Welt nicht einfach in Fakten und alternative Fakten einteilen kann, in vermeintlich richtig und vermeintlich falsch. Vielleicht haben die Leute ja einen instinktiven Hang zum perspektivischen Denken, ober auch zur Ambiguität (Mehrdeutigkeit). Um es klar zu sagen: Es geht hier nicht darum, ob die Erde eine Scheibe ist oder nicht, vielmehr um Themen, die so komplexe Systeme betreffen wie die des Lebens. Wobei wir bei der Medizin wären. Zugegeben nicht das Fachgebiet der hier abgebildeten studierten Köpfe. Mai Thi Nguyen-Kim und Dirk Steffens kann man das ja noch nachsehen, aber Harald Lesch als Experten für Naturphilosophie und bekennenden Fan von Alfred North Whitehead nicht, der ja eine ganz andere Weltsicht (auch des Organischen) konzipierte, als jene, vor deren Karren sich Lesch nun spannen lässt. (1)

Lesch, Mai Thi und Steffens verzweifeln an Faktenleugnern

„Fakten sind kastrierte Wahrheiten“ sagt der Dichter und Philosoph Khalil Gibran (2). „Fakten sind die richtigen Wahrheiten“ sagen die Vertreter des Wissenschaftsjournalismus (3). Fakten sind Tatsachen und keine Meinungen, das ist unbestritten, nur haben Fakten nicht zwangsläufig etwas mit Wahrheit zu tun. Das hat z.B. Harald Lesch bisher immer wieder betont (4), behauptet nun aber das Gegenteil, wenn es um das Thema Homöopathie geht. Diese baue für ihn (und er vergleicht sie dabei in einem Atemzug mit dem Nationalsozialismus) auf Scheinwelten auf und nicht auf objektiven Wahrheiten. (5) …

Lesen Sie dazu das Kapitel „Fakten, Fakes und Fast-Food-Denken“ aus meinem Buch „Alternativloses Heilen“ (6). Wenn dort von „Skeptikern“ die Rede ist, muss man von nun an auch Wissenschaftsjournalisten sagen.

Fakten, Fakes und Fast-Food-Denken

Den Wahrheitsanspruch der Naturwissenschaften begründen die Skeptiker mit der nachweisbaren Gültigkeit von Fakten, die die wissenschaftliche Erkenntnis erbracht hat. Fakten und Wahrheit stehen für sie auf einer Stufe. Und da wissenschaftliche Fakten nachweisbar, überprüfbar und nicht widerlegbar sind, dürfe man ihnen auch Wahrheitscharakter beimessen. Alles andere hieße, sie der beliebigen Interpretation preiszugeben – mit verheerenden Folgen für die Wissenschaft, aber auch für die aufgeklärte Gesellschaft. So verkehrt ist diese Auffassung ganz gewiss nicht. Sie bringt nur die Gefahr mit sich, etwas zu zweifelsfreien Fakten zu erklären (und mit dem Wahrheitsmerkmal zu adeln), was diesen Anspruch gar nicht erfüllt. Entsprechende Tendenzen kann man in der Argumentation der Skeptiker gegen die Alternativmedizin deutlich erkennen.  

Fakten können als eine Art Totschlagargument dienen. Mit ihnen kann man jede Diskussion kurz machen und feststellen: So ist es, Punkt! Fakten sind schließlich Tatsachen, die objektiv zutreffen und richtig sind. Wer solche anzweifelt oder leugnet, stellt sich damit oft selbst ins Abseits und muss sich nachsagen lassen, „alternative Fakten“ zusammenzubasteln und sie als Fake News unter die Leute zu bringen. Er oder sie gelten dann schnell als Verschwörungstheoretiker, die entweder ein Problem mit ihrem Intellekt haben oder böse Absichten im Schilde führen. Das kann dann so weit gehen, dass Homöopathen schon mal als „Reichsbürger in Birkenstock“ oder „Globulidioten“ denunziert werden. Kurz: Wer sich auf Fakten berufen kann, braucht keine Angst mehr vor Zweifeln zu haben und kann sich beruhigt auf der Seite der „Guten“ beziehungsweise „Richtigen“ wähnen und sich über all die „anderen“ ärgern und/oder lustig machen. Doch was sind eigentlich Fakten?

In der objektiven Welt der Naturwissenschaften hat man es mit der Faktenlage vergleichsweise leicht. Das Normalhöhennull der Zugspitze liegt bei 2962,06 Metern, die maximale Tiefe des Bodensees liegt bei 251 Metern und unser Sonnensystem besitzt acht Planeten. Das sind alles überprüfbare und absolut richtige Tatsachen –  bis auf das letzte Beispiel. Bis 2006 hatte unser Sonnensystem neun Planeten. Der äußerste, Pluto, wurde gestrichen. Also war die Faktenlage diesbezüglich bis 2006 eine andere als heute. Wahrscheinlich ist der Fakt, das Sonnensystem habe acht Planeten aber auch falsch, denn es wird allgemein angenommen, dass es möglicherweise doch einen neunten Planeten weit hinter Pluto gibt. Im Gegensatz zu den physikalischen Messwerten gehört die Anzahl der Planeten also zu einer ganz anderen Kategorie von Fakten. Man könnte sie variable „Definitionsfakten“ nennen im Gegensatz zu den harten „Messungsfakten“.

Bei der ersten Kategorie definiert der Mensch den Rahmen, in welchem etwas bestimmt werden soll, in der zweiten misst er etwas von der Natur Vorgegebenes, was sich durch Überprüfung sicher bestätigen lässt. In der ersten Kategorie können sich die Verhältnisse und die daraus hergeleiteten Fakten ändern, in der zweiten nicht (es sei denn, man findet zum Beispiel im Bodensee irgendwann eine noch tiefere Stelle). Man könnte noch eine dritte Kategorie aufmachen und diese vielleicht „Beobachtungsfakten“ nennen. Sie ähneln den „Messungsfakten“, beziehen sich aber nicht auf einzelne physikalische oder chemische Gegebenheiten, sondern sie haben komplexere Dinge zur Grundlage. Ein aktuelles Beispiel hierfür wäre die Situation des Klimawandels. Da werden Daten gesammelt, Studien gemacht und Modelle erstellt – alles auf neuestem wissenschaftlichem Stand. Es wird also exakt und genau beobachtet, um daraus verlässliche Aussagen zu machen. So entstehen die „Fakten zum Klimawandel“. Da sie wissenschaftlich korrekt erstellt wurden, gelten sie als richtig. Doch auch sie sind nicht unumstößlich. Aktuellere Daten können andere Aussagen nach sich ziehen. Folglich sind Fakten, die auf Basis wissenschaftlicher Forschung gewonnen wurden, objektiv richtig, müssen jedoch immer entsprechend interpretiert werden. Eigentlich sind Fakten, die keine rein physikalische oder chemische Basis haben, immer Interpretationen von Daten, die wiederum selbst hinterfragt werden können. So weit, so gut. Was aber hat das mit der Diskussion um die Alternativmedizin zu tun?

Die Argumentation der Skeptiker geht dahin, dass die Fakten eindeutig gegen die Wirksamkeit der allermeisten alternativmedizinischen Heilverfahren sprächen. Diese Aussage ist die Basis, auf die sich ihre Forderung stützt, Alternatives konsequent aus der Medizin auszusortieren und nur noch nachweislich Wirksames zu akzeptieren. Wenn man nun weiß, dass Fakten nicht gleich Fakten sind, dann stellt sich natürlich die Frage, wie die Fakten einzuordnen sind, die laut Skeptikerbewegung zweifelsfrei gegen die Alternativmedizin sprechen sollen. Da man sich im Bereich der Medizin befindet, gilt die therapeutische Wirksamkeit als Maßstab. Bestätigen wissenschaftliche Untersuchungen eine Wirksamkeit, dann gilt eine solche als „wissenschaftlich bestätigt“. Hierzu werden klinische Studien gemacht, die die Frage nach der Wirksamkeit beantworten sollen. Davon gibt es verschiedene Arten. Die höchste Aussagekraft wird den randomisierten Doppelblindstudien zugeschrieben, doch werden auch andere Studientypen zur Beurteilung herangezogen. Auch zu den verschiedenen alternativmedizinischen Heilverfahren gibt es wissenschaftliche Studien unterschiedlichster Art. Nach Auffassung der Skeptiker konnten diese keine spezifische Wirksamkeit nachweisen. Für sie ist dies ein zweifelsfreies Faktum auf wissenschaftlicher Grundlage. Somit sei eine Eliminierung dieser Verfahren aus der offiziellen Medizin geboten und legitim. Wie eindeutig aber ist die Aussagekraft solcher Studien wirklich?

Hier muss man sehen, in welche Kategorie von Fakten die Studiendaten einzuordnen sind. Harte „Messungsfakten“ sind sie sicherlich nicht, schon eher handelt es sich um „Beobachtungsfakten“, also solche, die komplexe Systeme empirisch untersuchen und Daten erheben, die gedeutet werden müssen. Da einzelne Studien für sich genommen noch keine klare Aussage erbringen können, fasst man die Studienlage zusammen und erstellt sogenannte Reviews und Metaanalysen. Hierzu aber müssen Vorgaben und Kriterien erstellt werden, die genau zu definieren sind. Die Ergebnisse solcher Studienanalysen werden durch den Filter dieser Rahmenbedingungen bedingt. Werden sie verändert, verändert sich meist auch das Ergebnis. Das Analysieren und Auswerten von Studiendaten ist eine heikle Angelegenheit. Man kann noch so bemüht sein, die Fehlerwahrscheinlichkeit so gering wie möglich zu halten, es wird nie ganz gelingen. Von harten Fakten sind solche Studiendaten also weit entfernt. Auch wenn wissenschaftliche Studien die Grundlage für die Beurteilung medizinischer Verfahren sind, ist ihre Aussagekraft – gleich in welche Richtung – eher als ein (wenn auch gut begründetes) Indiz zu werten, kaum aber als zweifelsfreier Beweis mit Wahrheitsanspruch.

Wenn das in der Wissenschaft allgemein bekannt ist, müsste man eigentlich alle Studien vorsichtiger interpretieren, als es heute geschieht. Jedenfalls ist es wissenschaftlich kaum nachvollziehbar, wenn man die Studienlage als objektiven, letztgültigen Beweis für eine Aussage heranzieht. Auch kann man auf deren Grundlage keine Schlussfolgerungen ziehen, die eine Art „Wahrheitscharakter“ aufweisen sollen. In der Diskussion um die Alternativmedizin wird das jedoch häufig gemacht. Skeptiker legen die Studienlage oft so aus, als sei sie der „wissenschaftliche Beweis“, dass diese Methoden unwirksam seien. Oder sie formulieren diese Aussage zumindest so, dass man sie entsprechend interpretieren kann. Damit machen sie aus vorhandenen Fakten aber Fakes, denn solche Schlussfolgerungen sind wissenschaftlich unzulässig.

Beispiele, wie die Faktenlage zu Globuli & Co. manipuliert werden kann, gibt es viele. So verbreiteten homöopathiekritische Skeptiker vor einiger Zeit in den sozialen Medien die Aussage, die Fakten zur Homöopathie seien so unbestreitbar wie die Existenz der Mondphasen. Diese Behauptung ist schon deshalb Unsinn, weil sie verschiedene Faktenebenen miteinander verknüpft. Die Mondphasen lassen sich mittels Berechnungen aus Mathematik und Physik bestimmen. Für die Beurteilung eines medizinischen Heilverfahrens ist eine solche Herangehensweise nicht möglich. Durch die Verknüpfung der Ebenen wird aber suggeriert, die Behauptung, Homöopathie sei nicht wirksam, entspräche einer wissenschaftlichen Tatsache, die absolut unbestreitbar ist. Damit bekommt diese Aussage einen „Fake-Charakter“. Wer sich in der Materie nicht auskennt, wird das nicht bemerken und die Behauptung als gegeben und nicht anzuzweifeln einstufen.     

Das Reduzieren auf simple Aussagen in der Debatte um die Alternativmedizin trägt mit zur Fake-Bildung bei. Bei der Homöopathie genügt ein einfaches „Nix drin, nix dran“, bei der Akupunktur ein „das Chi gibt es nicht“ und bei der Cranio-Sacral-Therapie „pulsierende Liquorwellen sind reine Fantasie“. Wenn solche Behauptungen von wissenschaftlicher Seite gemacht werden, nimmt man sie für gewöhnlich als „wahr“ an und ordnet sie als „nachweislich richtig“ in sein Denksystem ein. Selbst wenn diese Aussagen zweifelsfrei richtig sein sollten, heißt das nur, dass das spekulative Wirkmodell solcher Methoden nicht den Tatsachen entspricht. Damit aber eine nachgewiesene Unwirksamkeit zu verknüpfen, ist nach wissenschaftlichem Verständnis nicht möglich. Sicher wissen das die Gegner der „sanften Medizin“, weite Teile der Bevölkerung vermutlich aber nicht. Deshalb lässt sich mit solchen Vereinfachungen über ein „schnelles Denken“ bewusst spielen und die Meinungsbildung beeinflussen.

Die Einteilung in „schnelles Denken“ und „langsames Denken“ stammt von dem Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman. Danach bedienen wir Menschen uns im Alltag häufig einer schnellen Art des Denkens, weil Denken an sich anstrengend ist. Mitunter führt das Nachdenken über eine Sache auch nicht zu eindeutigen Antworten, sodass Zweifel bleiben. Da Zweifel aber häufig Hemmschuhe für ein aktives und zielgerichtetes Agieren sind, wollen wir sie vermeiden. Da hilft das „schnelle Denken“.  Es arbeitet oft mit vom Intellekt leicht zu verwertenden Aussagen, die klar, eindeutig und einleuchtend sind. Oft läuft diese Art des Denkens automatisch und unbewusst ab, ist emotional eingefärbt und neigt zum Stereotypisieren. Ein solches Denken führt jedoch schnell zu Fehlschlüssen. „Langsames Denken“ hingegen ist analytisch, logisch, bewusst und hinterfragend. Es sei ein wirksamer Schutz vor kognitiven Verzerrungen und daraus resultierenden Irrtümern, so Kahneman. So betrachtet ist „schnelles Denken“ intellektuelles Fast-Food, das bequem ist, schnell sättigt, aber auf Dauer Probleme bereitet. 

Die Kritiker der Alternativmedizin werfen dieser einen übersteigerten Hang zum „schnellen Denken“ vor. Wer an die Wirkung von Globuli, Bioresonanz oder Kräutermixturen glaube, der blende die Realität aus, die eindeutig besage, dass eine solche Wirksamkeit gar nicht existiere. Er akzeptiere nur, was er glauben wolle und was mit seiner Weltsicht im Einklang stehe – also keine Zweifel erzeuge. Es braucht nun wenig analytischen Scharfsinn, um festzustellen, dass die Argumentationsweise der Skeptiker nicht weniger Elemente eines „schnellen Denkens“ enthalten, als die von eingefleischten „Naturheilern“. Während letztere ihr „Fast-Food-Denken“ wohl mehr unbewusst und instinktiv einsetzen (da sie um den Unterschied der Denkweisen vielleicht gar nicht Bescheid wissen), kann man davon ausgehen, dass die wissenschaftlich meist bestens geschulten Skeptiker das schnelle Vereinfachen als Strategie bewusst einsetzen. Wer weiß, wie die Masse tickt, hat es leicht, sie in seinem Sinne zu führen. Das ist das Wesen jeder Propaganda.

Vor allem in der mitunter emotional sehr heiß geführten Diskussion um die Homöopathie werden seitens mancher Globuli-Gegner häufig denunzierende Behauptungen aufgestellt, die auf das „schnelle Denken“ der Menschen abzielen: „Homöopathie ist gefährlicher Voodoo-Zauber“, „Homöopathie ist Verschwörungstheorie“, „Homöopathen sind Betrüger und ziehen unschuldigen Patienten ihr Geld aus der Tasche“. Solche Aussagen werden häufig nicht hinterfragt, wenn sie aus scheinbar seriösen, wissenschaftlichen Kreisen kommen. Vor allem werden sie aus dem Grund als „bare Münze“ genommen, weil sie auf dem zentralen Argument der Homöopathiegegner aufbauen, das man in etwa so zusammenfassen kann: „In Globuli ist nichts drin, deshalb können sie auch nicht wirken. Das kann gefährlich werden. Lasst also die Finger davon und nehmt nur, was wirklich wirkt!“ Eine Aussage, der man kaum widersprechen kann, da sie scheinbar wissenschaftlich belegt ist, und zudem dem gesunden Menschenverstand entspricht. Leider hält sie aber einer Analyse durch ein „langsames Denken“ nicht stand.  

(1) Spyridon A. Koutroufinis: Organismus als Prozess, Whitehead-Studien 4, 2019, Verlag Karl Alber

(2) Khalil Gibran: Sand und Schaum – Das Buch der Aphorismen, Neuausgabe 2018 https://www.bod.de/buchshop/sand-und-schaum-khalil-gibran-9783744850490

(3) „Terra X“-Moderator Dirk Steffens: „Die Wahrheit liegt nie in der Mitte, verdammt!“ https://www.focus.de/kultur/kino_tv/zdf-mann-im-interview-terra-x-moderator-dirk-steffens-die-wahrheit-liegt-nie-in-der-mitte-verdammt_id_12544883.html

(4) Richard David Precht und Harald Lesch über Wahrheit und Glauben im ZDF https://www.facebook.com/2360479830897066/videos/278430113540398

(5) TV-Professor Harald Lesch: Homöopathie ist völliger Blödsinn! https://www.t-online.de/unterhaltung/stars/id_88759072/tv-professor-harald-lesch-in-der-verschwoererszene-herrscht-grosse-verlogenheit-.html

(6) Hans-Josef Fritschi: Alternativloses Heilen – Welche Medizin wir bekommen, wenn Globuli & Co. verschwunden sind, 2020, Zu Klampen Verlag https://zuklampen.de/component/bcpublisher/bk/948-alternativloses-heilen.html?Itemid=

Mit dem zweiten Zug spielt man besser: Über Medien und Homöopathie

Christina Berndt ist Medizinjournalistin bei der Süddeutschen Zeitung in München. In dieser Funktion hat sie am 14. September 2020 über Positives zur Homöopathie berichtet. „Positives zur Homöopathie“ war jedenfalls ihr Artikel überschrieben (1). In ihm ging es aber gerade nicht darum, Positives zu berichten, sondern um die Frage, warum in der SZ kaum je etwas Positives zur Homöopathie zu lesen ist. Frau Berndt versucht dies der Leserschaft schlicht damit zu erklären, dass es eben zur Homöopathie nichts Positives zu berichten gebe. Das einzige, was die Globulimedizin zu bieten habe, seien Einzelfallmeinungen. Ob Queen Elisabeth nun auf Globuli schwöre, sei für die SZ unerheblich, Fallberichte von Anwendern der Homöopathie auch. Für das Blatt zählten einzig und allein die wissenschaftlichen Studien, so Frau Berndt. Und das Fazit dieser Studien fasst die Medizin-Redakteurin (nicht gerade faktenkonform) so zusammen: „Das Ergebnis war jedes Mal niederschmetternd.“

Das nun soll die Tatsache erklären, warum in der „Süddeutschen“ nichts Positives über Globuli zu lesen ist. Damit gibt Frau Berndt einen Grundkonsens in weiten Teilen der Medien wieder: Homöopathie wirkt nicht über den Placeboeffekt hinaus. Diese Floskel wurde vom Anti-Homöopathie-Verein „Informationsnetzwerk Homöopathie“ in die Welt gesetzt, und wird nun den bundesdeutschen Medienkonsumenten als wissenschaftliche Tatsache in Endlosschleife vermittelt. Wenn es um Homöopathie geht, vertrauen die im Journalismus Tätigen voll und ganz auf besagtes Informationsnetzwerk. Dass dort so manche Fakten ausgesprochen selektiv wiedergegeben werden oder mitunter auch schlicht falsch sind, erkennt man nur, wenn man die Aussagen hinterfragt und auf anderen Wegen fachliche Informationen zum Thema sucht. Jedenfalls erkennt man die Aussage „Das Ergebnis war jedes Mal niederschmetternd“, die Frau Berndt über die Homöopathie macht, als definitiv nicht zutreffend, wenn man sich die Mühe macht, sich auch anderer Quellen zu bedienen. (2), (3), (4). Einem seriösen Journalismus steht es auf jeden Fall gut zu Gesicht, sich bei einem Thema auf unterschiedliche Quellen zu stützen, und dort, wo der Eindruck entsteht, eine bestimmte Gruppierung habe eine Monopolstellung inne, schlicht und einfach kritische Fragen zu stellen. Das dürfen Journalisten nicht nur, das müssen sie.   

Wenn jemand seine Kopfschmerzen verliert, wenn er bestimmte Globuli nimmt, dann ist für ihn oder sie genau das das Entscheidende, und nicht, ob das Mittel diese Wirkung auch in klinischen Studien reproduzierbar nachweisen konnte. In dieser Hinsicht sind Patienten hartnäckig, ja manchmal starrköpfig.

Homöopathie-Gegner und die ihnen zugeneigten Journalistinnen und Journalisten haben ein großes Problem: Die Menschen interessieren wissenschaftliche Studien und Belege herzlich wenig, wenn eine Heilmethode zumindest das Potenzial verspricht, heilen oder zumindest lindern zu können. Ob ihnen etwas mit dem Stempel der Wissenschaft Versehenes hilft, oder ob es der reine Placeboeffekt ist, ist ihnen egal. Hauptsache, es hilft. Wenn jemand seine Kopfschmerzen verliert, wenn er bestimmte Globuli nimmt, dann ist für ihn oder sie genau das das Entscheidende, und nicht, ob das Mittel diese Wirkung auch in klinischen Studien reproduzierbar nachweisen konnte. In dieser Hinsicht sind Patienten hartnäckig, ja manchmal starrköpfig. Rational kommt man da nicht ran. Deshalb muss etwas her, was erfahrungsgemäß besser hilft. Das ist das Emotionale, und hier vor allem die wohl stärkste Emotion: die Angst.

Die Gegner der Hahnemannschen Globuli fahren schon eine Weile zweigleisig. Auf Gleis 1 fährt der Zug der Rationalität. In ihm fahren die Studienargumente und die Argumente der Naturwissenschaften: also Physik, Chemie, Pharmakologie etc. In diesen Zug setzt man das intellektuell einigermaßen geschulte Publikum, das auch nichts dagegen hat, wenn man ihm den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft als nicht hinterfragbare Wahrheit verkauft. Auf Gleis 2 haben sie einen Zug stehen, der zwar weniger komfortabel ist, dafür aber für viel mehr Reisende Platz bietet. Es ist der Zug der Emotionalität. Man hat ihn sinnigerweise auf den Namen „Gefahr“ getauft. Dort will man all jenen einen Platz anbieten, die für rationale Anti-Globuli-Argumente wenig empfänglich, für emotionale dafür umso empfindsamer sind. Wie in den alten Nichtraucher-Waggons gibt es dort überall Warnschilder. Statt „Rauchen verboten!“ steht hier „Globuli gefährden Ihre Gesundheit!“ drauf.

Die Behauptung, durch Anwendung von Homöopathie würde gesundheitlicher Schaden angerichtet, ist nichts weiter als eine Meinung. Hierzu gibt es keine belastbaren Zahlen, Untersuchungen oder gar Studien. Was hier berichtet und bisweilen hochemotional breitgetreten wird, sind Einzelfälle auf der Ebene der „Globuliphilie“ des britischen Königshauses.

Die beiden Züge fahren in jeweils unterschiedliche Richtungen, denn sie dürfen sich nicht zu nahe kommen. Sie sind nämlich nicht kompatibel. Das Argument aus Zug eins „In den Globuli ist nichts drin, also können sie auch nicht wirken“ passt mit dem Zug-zwei-Argument „Globuli können tödlich sein!“ (5) nicht zusammen. Entweder ich fahre mit Zug eins nach Hamburg oder mit Zug zwei nach Stuttgart. Beides gleichzeitig geht nicht. Auf die Homöopathie übertragen heißt das: Entweder etwas ist unwirksam oder es schadet, beides gleichzeitig geht nicht. Doch, sagen die Homöopathie-Gegner und zaubern einen scheinbar genialen Trick aus dem Köcher: Globuli schaden, weil man dadurch „richtige Medizin“ zu spät oder gar nicht anwendet. Nun, das mag durchaus vorkommen und sollte tunlichst vermieden werden. Doch bei näherem Betrachten lässt sich unschwer erkennen, dass dieses Argument tatsächlich ein Trick ist, einer der sogar zum Bumerang werden kann. Denn die Behauptung, durch Anwendung von Homöopathie würde gesundheitlicher Schaden angerichtet, ist nichts weiter als eine Meinung. Hierzu gibt es keine belastbaren Zahlen, Untersuchungen oder gar Studien. Was hier berichtet und bisweilen hochemotional breitgetreten wird, sind Einzelfälle auf der Ebene der schon angesprochenen „Globuliphilie“ des britischen Königshauses. Nach einhelliger Meinung der Homöopathie-Gegner ist so etwas wertlos. Womit der Bumerang wieder zu seinem Werfer findet.

Auch Christina Berndt von der SZ schlägt in ihrem Artikel in diese Kerbe. Allerdings schaltet sie einen Gang runter und spricht nicht von Todesfällen. Sie klärt vielmehr darüber auf, dass Globuli zu Allergien führen können. Aber auch dieses Argument stammt aus dem Zug der Emotionalität, vermittelt es doch unterschwellig die Botschaft: „Obacht, süße Gefahr!“ Sicher können einige homöopathische Mittel bei tiefer Verdünnungsstufe ein allergisches Potenzial haben. Arnica, Calendula, Millefolium und andere Korbblütler können solche Reaktionen auslösen. Aber mit steigender Potenzierung verliert sich dieser Effekt schließlich vollkommen. Tatsache ist, dass nur sehr wenige homöopathische Arzneimittel potenziell allergisch sein können, der weit überwiegende Teil zeigt diesbezüglich keinerlei Reaktionen. Da ist die „Gefahr“ durch einen Kamillentee, ein Echinacea-Bonbon oder einen Arnikaumschlag um ein Vielfaches größer. Die Frage ist: Warum muss Frau Berndt diesen „Warnhinweis“ ausdrücklich anbringen, obwohl er in der Praxis kaum ins Gewicht fällt?  

Mit der Spielfigur namens Angst kann man letztlich immer zum finalen Schachmatt kommen. Das Spielbrett heißt Mainstream. Nur innerhalb dieses darf man sich bewegen, weil nur hier das Spiel funktioniert.

Nicht wenige Arzneimittel der sogenannten „Schulmedizin“ können als Nebenwirkung eine Allergie oder Unverträglichkeit auslösen, seien es Antibiotika, Schmerzmittel, Gichtmittel, Epilepsiemittel oder Röntgenkontrastmittel. Manche davon sind sogar freiverkäuflich, z.B. das Rheumamittel Diclofenac. Für dieses Arzneimittel wird fleißig Werbung gemacht. Bei dieser wird zu Risiken und Nebenwirkungen immer das lapidare „Fragen sie ihren Arzt oder Apotheker“ zitiert. Aber Diclofenac kann nicht nur Allergien auslösen. Viel schlimmer sind die möglichen negativen Auswirkungen, die das Mittel auf das Herz haben kann. Die Gefahr, durch das Rheumamittel nicht ungefährliche Probleme mit dem Herzen zu bekommen dürfte für bestimmte Menschen wohl größer sein, als sich durch Globuli eine allergische Reaktion einzuhandeln.

Mit dem zweiten Zug spielt man besser, werden sich die Homöopathie-Gegner sagen, und damit dürften sie auch recht haben. Nur auf den Intellekt zu setzen, führt in dem inzwischen über 200 Jahre alten Streit um die Globuli nicht wirklich zum Ziel. Diesem kommt man nur näher, wenn man die Irrationalität der menschlichen Gefühle gezielt und geschickt anspricht. Und mit der Spielfigur namens Angst kann man letztlich immer zum finalen Schachmatt kommen. Das Spielbrett heißt Mainstream. Nur innerhalb dieses darf man sich bewegen, weil das Spiel nur hier funktioniert. Zeitungen wie die SZ sind wichtiger Teil dieses Spiels. Eines aber sind sie nicht: die wahren Akteure der Partie.

(1) https://www.sueddeutsche.de/kolumne/sz-werkstatt-positives-zur-homoeopathie-1.5031906

(2) https://www.carstens-stiftung.de/die-datenbanken-der-karl-und-veronica-carstens-stiftung.html

(3) https://www.wisshom.de/links/forschung/

(4) https://www.vkhd.de/therapeuten/homoeopathie-forschung

(5) https://blog.gwup.net/2017/02/22/homoopathische-abgrunde-wenn-globuli-den-tod-bringen/

Integrative Medizin – ein trojanisches Pferd?

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Es ist nicht leicht, die unkonventionellen Heilverfahren in der Medizin mit einem einheitlichen und gleichzeitig passenden Begriff zu versehen. Bei genauer Betrachtung erscheinen alle üblichen Begriffe für einen Oberbegriff, der allgemein akzeptiert werden kann, als mehr oder weniger ungeeignet. Grund ist, dass sie jeweils nur einen Teilaspekt abdecken. Dabei beschreiben sie die Verfahren meist nur in einem besonderen Bezug zur wissenschaftlich anerkannten Schulmedizin. Gängig sind drei Begriffe: Alternativmedizin, Komplementärmedizin und integrative Medizin. Alle drei meinen nicht dasselbe. Alternativmedizinisch werden unkonventionelle Therapien bezeichnet, wenn man sie als Ersatz für schulmedizinische anwendet. Bei der Komplementärmedizin gelangen sie als Ergänzung oder Erweiterung allgemein anerkannter Methoden zum Einsatz. Als integrativ bezeichnet man das Bestreben, die unkonventionellen Methoden in die Schulmedizin zu integrieren.

Heute ist man allgemein bestrebt, von integrativer Medizin zu sprechen, wenn z.B. Naturheilverfahren, Homöopathie oder chinesische Medizin zusammen mit schulmedizinischen Therapien angewendet werden. Integrativ hört sich ja gut an, ist es das aber auch? Zweifel sind angebracht. Bei einer Integration geht es ja um eine Eingliederung. Etwas von außen soll sich in ein bestehendes System einordnen und somit Teil von ihm werden. Das wird aber nur dann erfolgreich sein können, wenn das zu Integrierende sich zentralen Grundelementen des Systems anpasst, in das es aufgenommen werden soll. Genau hier liegt bei der integrativen Medizin ein großes Problem.

Manche Verfechter dieses Modells geben sich offen und sagen, alles aus dem Bereich unkonventioneller Heilmethoden könne in die Medizin aufgenommen werden, solange es naturwissenschaftlichen Standards entspräche. Das heißt aber auch: Alle anderen Verfahren haben keinen Platz in einer solchen Medizin. Professor Harald Walach spricht in diesem Zusammenhang von einem „Kolonialisierungsversuch“, der alles ausgrenzt, was nicht dem Diktat der Naturwissenschaft folgt. Somit zeigt sich, dass der Begriff „integrative Medizin“ trügerisch ist und letztlich jenen in die Hände spielt, die die unkonventionellen Heilverfahren aus der Medizin eliminieren wollen.

Wenn sich nun die Begriffe alternativ, komplementär und integrativ allesamt nicht dazu eignen, das weite Feld der „außerschulischen Methoden“ treffend zu beschreiben, muss man sich dann nicht auf die Suche nach einem anderen machen? Da bietet sich ein Wort aus dem Griechischen an, das das Verhältnis der beiden Medizinrichtungen neu beleuchtet. Es ist der Begriff „dyadisch“. Dyas heißt Zweiheit. Heute wird dyadisch meist in der Soziologie und Psychologie verwendet. Dort bezeichnet es eine intensive Zweierbeziehung. Kennzeichnend für eine solche Dyade ist, dass zwei Personen wechselseitig aufeinander bezogen sind, ihre Aktionen und Reaktionen sind aufeinander abgestimmt. In diesem Sinne bilden beide Partner eine Einheit, in der nicht jeder „sein Ding macht“, sondern beide ein gemeinsames Ziel oder eine gemeinsame Aufgabe haben. Dabei stimmen sie ihre Aktivitäten miteinander ab. Sie sind grundlegend eigenständige Menschen, mit eigenem Denken, Fühlen und Handeln, bringen diese Eigenschaften aber in das Gemeinsame ein. Eine gesunde dyadische Beziehung ist grundsätzlich offen für das Gegenüber und ist auch bereit, sich durch eine gegenseitige Wechselwirkung im eigenen Denken, Fühlen und Handeln verändern zu lassen. Wie man dieses Modell auf die Medizin übertragen kann, habe ich im Buch „Alternativloses Heilen“ im Kapitel „Der Gegenentwurf: Eine dyadische Medizin“ beschrieben (ab S. 123): https://zuklampen.de/component/bcpublisher/bk/948-alternativloses-heilen.html?Itemid=

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